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Ich und Nicht-Ich

12. April 2011

Untertitel: Das evolutionäre SELBST -  frei nach Robert Kegan

Diese Abbildung stammt aus dem Buch »Die Entwicklungsstufen des Selbst« (1982 erstmalig erschienen) von Robert Kegan, einem Professor an der Universität Harvard, Cambridge, Massachusetts. Sein Lebenswerk beschäftigt sich mit den menschlichen Entwicklungen – vor allem im Erwachsenenalter. Inwieweit er selbst das auch auf die Entwicklung des Bewusstseins bezieht, wird in dem Interview deutlich, das die Zeitschrift WIE – »Was ist Erleuchtung« – vor einigen Jahren im Zusammenhang mit der Frage nach »spiritueller Transformation« mit ihm geführt hat.

Interview

Für mich macht dieses Modell plastisch verstehbar, wie sich unser menschliches Ich-Erleben im Laufe des Lebens mehrmals verändert. Das spirituelle »Nicht-Ich«-Erleben sowie die buddhistische »anatta-Lehre« lässt sich da nach meiner Erkenntnis nahtlos einfügen.

Stufen 0 bis 4 – die »normal-menschliche« Entwicklung

Die Stufen 0 – 4 in Kegans Modell könnte man grob mit Säugling (0: einverleibend), Kleinkind (1: impulsiv), Schulkind (2: autonom), Jugendlicher (3: zwischenmenschlich) und Erwachsener (4: institutionell) betiteln. Sie beschreiben jeweils eine bestimmte Organisationsform (Konstruktion) unseres Ich-Erlebens im Gleichgewichtszustand. In der Balance funktioniert die jeweilige »innere Verwaltung« der Innen- und Außenweltwahrnehmung reibungslos. Es entstehen keine Widersprüche.

Die menschliche Entwicklung hat jedoch die Eigenschaft, Veränderungen und Wandlungen des »Selbst-Systems Mensch« zu erzeugen und die verlaufen, wie Kegan sehr eindrucksvoll aufzeigt, immer krisenhaft. Die »Krise« wird hier also als ein Normalfall betrachtet, der immer dann eintritt, wenn eine Organisationsform sozusagen ausgedient hat und im Lebensfluss durch eine neue ersetzt werden wird: Das Alte greift nicht mehr recht, das Neue ist noch nicht stabil vorhanden. Kegan lehnt sich dabei an den bekannten Schweizer Pädagogen Jean Piaget an, der das in vielen eindrucksvollen Experimenten für die kognitive Entwicklung des Menschen deutlich gemacht hat. In den instabilen Übergangsphasen werden Aufgaben mal mit den alten Strategien und mal nach neuen Erkenntnissen gelöst.

Immer braucht es einiges an Einübung, bis sich ein neues Gleichgewicht auf neuem Niveau eingependelt hat. Die Übungsaufgaben stellt das Leben selbst. Einem Kind muss niemand sagen, wie es etwas zu lernen hat. Seine Entwicklung wird – wenn keine Störeinflüsse eintreten – von einem inneren, natürlichen und schöpferischen Prozess geführt.

Außen und Innen

Robert Kegan beschreibt in seinem Modell eindrucksvoll, wie sehr die jeweilige Ich-Stufe, die Wahrnehmung unserer Innen- und Außenwelt verändert. Zunächst ist das menschliche Ich-Erleben ganz »Innenwelt«, ein Außen und auch ein menschliches »Du« sind noch nicht im Erleben vorhanden. Mit jedem nun folgenden Entwicklungsschritt wird die Außenwelt im Vergleich zur Innenwelt größer und die Grenzen verschieben sich nach innen. Ein Kleinkind erlebt sich noch in einer sehr raumgreifenden Innenwelt, die von Emotionen und Impulsen geprägt ist. Seine Außenwelt tritt vornehmlich als Erfüllungsgehilfe seiner Wünsche, bzw. grenzsetzende Instanz in Erscheinung.

An der wiederholten Verschiebung der Ich-Grenzen wird schon deutlich, wie wenig Sinn es macht, das Ich als eine feststehende Instanz zu betrachten. Den Begriff  »Mensch« definiert Kegan als »eine immer fortschreitende Bewegung, die ständig einer neuen Gestalt entgegenstrebt« (S. 27).

Die Entwicklung zum überindividuellen Gleichgewicht – Stufe 5

»Nun beginnt man mit dem Entwurf einer Weltanschauung, welche Widersprüche und Gegensätze integrieren und sich nach mannigfaltigen Denksystemen richten kann. Zunehmend sieht man ein, dass es bei dem „Projekt Leben” nicht darum geht, den Fortbestand einer bestimmten Form des Selbst zu verteidigen, sondern um die Fähigkeit, das Selbst an sich buchstäblich transformativ sein zu lassen. Das Selbst könnte man als eine Art Durchschreiten verschiedener Bewusstseinsformen beschreiben und nicht als die Identifizierung mit einer dieser Formen, die es dann zu verteidigen gilt.«

Das Verlassen der institutionellen Stufe des Erwachsenen-Ichs bedeutet also in diesem Modell die Des-Identifikation von jeglicher Form und das Zulassen eines sich ständig-wandelnden Bewusstsein. Am Anfang der Übergangsphase dorthin müssen alle Formen erstmal verlassen und aufgelöst werden, um sie dann in eine neue Perspektive zu re-integrieren. »Wenn man sich dieser konstruktiv-transformativen Seite annähert, dann erlangt man die Fähigkeit, mit all jenen Ideologien erneut in Beziehung zu treten und zu erkennen, dass sie alle unvollständig und einseitig sind.«

Entmystifizierung der Ich-Losigkeit

Die laufende Um-Organisation unserer Selbst-Wahrnehmung und das Eintreten in ein Bewusstsein, in dem sie mit keiner Form mehr identifiziert ist, wird hier also als ganz natürliche Entwicklungsmöglichkeit im Erwachsenenalter betrachtet. Kein mystischer Hokuspokus, kein Besonders-Sein! Allerdings haben Kegans Forschungen auch ergeben, dass nur etwa 20% der erwachsenen amerikanischen Bevölkerung überhaupt die vierte Organisations-Stufe erreicht haben und nur ein verschwindend geringer Anteil davon, sich darüber hinaus entwickeln kann. Ein voll verwirklichtes überindividuelles Ich-Bewusstsein kann er selbst sich nur mühsam vorstellen, eine Entwicklung darüber hinaus nicht mehr (vgl. WIE-Interview). Andere »Landkarten«, wie z.B. das »spiral-dynamics-Modell« gehen da weiter.

Entwicklung zur Selbst-Losigkeit

Die höchste Entwicklungsstufe schließt alle vorherigen mit ein. Ein Kreis schließt sich. Dieser Kreis beinhaltet auch den Säugling, das Kleinkind, das Schulkind und den Jugendlichen in uns. Selbst-Losigkeit bedeutet, mit keinem davon identifiziert sein – schon gar nicht mit dem, vom Leben verletzten und bedürftig gebliebenen, kindlichen Anteil.  Und gleichzeitig beinhaltet sie die Vielfalt aller menschlichen Seins-Weisen: Hingebungs- und vertrauensvoll wie ein Säugling, impulsiv und abgrenzend wie ein Kleinkind, die Außenwelt erobernd wie ein Schulkind und sich der Leidenschaft und Beziehungen hingebend, wie ein Jugendlicher. Alles zu seiner Zeit.

*****

Literatur:

Kegan, R.: Entwicklungsstufen des Selbst. München, 1994, 3.Aufl.
WIE-Was ist Erleuchtung 8: Bist du bereit, dich jetzt zu ändern? Zur Dynamik menschlicher Transformation, Frühjahr 2003.

4 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. 25. April 2011 02:42

    Liebe Marianne,

    grundsätzlich: Modelle sind nicht das Leben. Modelle skizzieren Ideen, um sie begreifbar zu machen. Aus dieser Perspektive besitzt Kegans Modell Charme. Doch wie gesagt, der Reiz reizt das Verstehen; gelebt entbehren diese Sphären diesen Impuls. Panta rhei …

    Zitat: „Selbst-Losigkeit bedeutet, mit keinem davon identifiziert sein – schon gar nicht mit dem, vom Leben verletzten und bedürftig gebliebenen, kindlichen Anteil.“

    Dem möchte ich zustimme und zugleich Gesagtes überhöhen: Selbstlosigkeit bedeutet auch, nicht mit der Nicht-Identifikation identifiziert zu sein. Doch für noch spannender halte ich die Situation der vom Leben verletzten Anteile. Sie bewahren ihre Narben. So wie ein Baum, in den der Blitz einschlug, seine Wunde zwar schließen und umwachsen wird. Jedoch wird er seine Narbe niemals verlieren, und sie wird ihn von Fall zu Fall zwingen, sich ihr gemäß zu organisieren.

    Ebenso sind die Narben des Lebens untergründige Strukturen im Flussbett des Daseins. Durch sie entstehen Gumpen, Stromschnellen und Wirbel. Sie verleihen dem Fluss seinen unverwechselbaren Charakter. Sie mögen sich durch Auswaschungen und Versandungen wandeln, doch sie bleiben ursächlich für die Eigenart des Umflossen-werdens. Selbstlosigkeit entlässt demnach nicht das „Selbige“, sie entsetzt allerdings seinen Identifikationspunkt.

    Gruß Matthias Mala

    • Marianne Permalink*
      25. April 2011 07:43

      Lieber Matthias,

      ich bin viel mit solchen “Landkarten” (Modellen) “gereist”. Sie können manchmal nützlich sein, um sich im “Gelände” besser zurecht zu finden. Wenn das Gelände ausreichend erforscht ist, braucht man keine Karten mehr – man kennt sich dann aus.

      Zu deinem wunderschönen Sprach-Bild über die Narben des Lebens möchte ich einfach ein Foto einfügen, das ich vor ein paar Jahren im Wald vor meiner Haustüre aufgenommen habe:

      verwundeter_baum

      Gruß
      Marianne

    • Marianne Permalink*
      27. April 2011 18:52

      Lieber Matthias,

      bin gestern mal wieder an diesem Baum vorbei gekommen und habe mit Vergnügen festgestellt, dass sich die “Wunde” geschlossen hat:

      Baumnarben

      Offensichtlich scheinen auch die “Narben des Lebens” in einem gewissen Umfang noch zu Wandlungen fähig zu sein. :-)

      Herzlich
      Marianne

  2. 28. April 2011 14:01

    Liebe Marianne,
    beide Bilder sind sehr berührend. Stark ist das erste Bild, in dem das Schattenspiel dem Blut der Buche eine Ahnung von Schorf gibt und hierdurch den Eindruck von Verwundung noch verstärkt. Gleichzeitig mutet es an wie ein Wechselspiel mit dem Beobachter, dessen Abbild sich im Wundmal verschwommen widerzuspiegeln scheint.
    Bejahen wir erlittene Verletzungen, leben wir sie ein; hierdurch verwachsen die Narben mit einem neuen Heilsein.
    Herzlichen Gruß
    Matthias

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