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Zusammenhalt und Anders-Sein

3. Oktober 2011

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Der Film „Sommer in Orange“ des Regisseurs Marcus Rosenmüller war sicher ein Highlight des diesjährigen Kino-Sommers. Besonders für jemanden wie mich, die in Bayern lebt und aufgewachsen ist und gleichzeitig Freunde hat, die viele Jahre in orange-roten Gewändern unterwegs waren. Zwei Gemeinschaftsformen und Lebarten, eine psycho-spirituelle Befreiungsideologie und die ur-bayerische Gemütlichkeit, prallen in dieser satirischen Verfilmung aufeinander.

Gerade ist Wies’n-Zeit in München und überall laufen „bierselige“ Gestalten in Dirndl und Lederhosen herum. Manche davon scheinen sich nach mehreren Maß kaum auf den Beinen halten zu können. Ist das auch ein Suche nach Befreiung?                

Die Film-Geschichte wird aus der Perspektive eines jungen Mädchens – Lili – erzählt, das unfreiwillig in eine alternative Kommunen-Welt hineingeraten ist: Sie ist die Tochter der Sannyasin „Amrita“, eine Anhängerin des indischen Lehrers Bhagwan, der sich später Osho nannte.

Sannyas

„Sannyas ist eine von der spirituellen Suche bestimmte Lebensart. Sannyasin bezeichnet im Hinduismus einen Menschen, welcher der Welt entsagt hat und in völliger Besitzlosigkeit lebt. Sein ganzes Streben ist auf Moksha, die Befreiung vom Karma und vom Kreislauf von Geburt und Tod durch Vereinigung mit Gott oder der höchsten Wirklichkeit gerichtet.“ So kann man bei Wikipedia nachlesen.

Extreme Lebenseinstellungen der Eltern rufen häufig gegenteilige Verhaltensweisen bei den Kindern wach. Lili entwickelt auf jeden Fall ein starkes Bedürfnis, in die Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden, zieht dafür ein Dirndl an und tritt der örtlichen Musikkapelle bei. Als ihre Mutter das bemerkt, kommt es zum offenen Schlagabtausch zwischen Dörflern und Kommunarden. Im Anschluss daran kochen die Feindseligkeiten der Alt-Eingesessenen erst so richtig hoch, bis im Happy-End das Dorf-Lästermaul vom Balkon stürzt und damit eine Phase der gegenseitigen Annäherung eingeleitet wird.

Ideologische Abgrenzung

Warum müssen sich Menschen, die auf der spirituellen Suche sind, in Gruppen zusammen rotten und nach außen ihr Anders-Sein und Anders-Denken demonstrieren? Dieses Phänomen gibt es natürlich auch in anderen Zusammenhängen. Aber warum hier? Alle sind doch auf der einen  Suche nach Erkenntnis und Befreiung. Im Film wird auch noch deutlich gemacht, wie man sich in seiner Abgrenzung vom Gewöhnlichen höherwertig und überlegen fühlt – was durch den Beischlaf mit dem Dorf-Briefträger satirisch widerlegt wird: Auch mit ihm sind multiple Orgasmen möglich.

Das Eigene, Individuelle durch Grenzziehung nach außen definieren. Ist man sich seiner eigenen Identität nicht sicher, lehnt man sich an eine Gruppen-Identität an. Der Zusammenhalt vermittelt ein Gefühl von Festigkeit. Je unsicherer sich einzelne Familienmitglieder in ihrer Ich-Identität fühlen, desto mehr muss sich das ganze System nach außen abschotten – so habe ich es in meinem Psychologie-Studium in einem Seminar über Familiensysteme gelernt. Wenn dann noch ein Guru da ist, der verlässlich sagt, wo es lang geht, dann kann man sich die Mühe des eigenständigen Denkens sparen.

Im Film tritt der „Guru“ als außerirdischer Retter für das kleine Mädchen auf, in den Situationen, wo es sich in einer leidvollen Sackgasse befindet. Mit ein paar einfachen, unideologischen Worten, gibt er ihr jeweils den Mut, einen neuen Schritt zu wagen, dann verschwindet er wieder. Zum Festhalten taugt dieser Guru nicht!

Befreiung und Sekten-Mitgliedschaft

Wie passen Selbstverwirklichung, und geistige Freiheit mit solchen einengenden Gruppen-Phänomenen zusammen? Von außen wurden die Orange-Gewandeten in ihrer Blütezeit auf jeden Fall als gesellschaftliche Randgruppe, wenn nicht gar als Sekte betrachtet.

„In solchen Sekten herrscht eine streng autoritäre Binnenstruktur, die wiederum Ausdruck eines universellen Machtstrebens ihrer Führer ist. Die einzelnen Mitglieder sind einem System von materieller Ausbeutung und mentaler Abhängigkeit ausgesetzt, denen sie oft nur unter großen Schwierigkeiten entrinnen können. Vielfach wird von Seiten der Gruppen mit allen Mitteln versucht, Abwanderung zu unterbinden und frühere Mitglieder unter Druck zu setzen.“   Das ist eine Beschreibung des Phänomens „Sekte“ der 1996 vom deutschen Bundestag eingesetzten Enquete-Kommision zum Thema „So genannte Sekten und Psychogruppen“. Sie sollte damals unsere Gesellschaft vor solchen Gruppierungen schützen.

Ein Mensch auf dem Weg nach innerer Befreiung, begibt sich freiwillig in rigide und autoritäre Organisations-Strukturen, kaum zu glauben! Merkt er denn nicht, dass sein vermeintlicher geistiger Befreiungsprozess hier innerhalb eines von Menschen gemachten Gefängnisses stattfindet?

Dicke Mauern halten und schützen

Genau solche Fragen könnte sich natürlich auch der Anders-Denkende stellen, der über die Traditionen eines Jahrhunderte alten Kloster-Lebens sinniert. Er sieht hier meist ein Gebäude mit ganz dicken Mauern, in dessen Innerem ein eigener Lebensstil gepflegt wird, der nach strengen, autoritär verwalteten Ritualen abläuft. In christlichen Schweigeklöstern wird in der Regel der Wohnbereich so abgeschottet, dass die Außenwelt  niemals Zutritt bekommt. Es gibt dort eine „Besucherschleuse“, in welcher der notwendige Austausch von Information und Waren mit der Umgebung statt findet.

Die Sehnsucht nach Festigkeit und Zusammenhalt entspringt dem menschlichen Naturell. Ein tragendes Mit-Einander vermittelt uns Halt, Schutz und Geborgenheit, unsere Ur-Bedürfnisse werden befriedigt. Der Weg zu sich selbst und zu Gott führt durch den Verlust und das Loslassen von Schein-Identitäten hindurch, alles wird im Erleben instabiler und haltloser. Gerade da tut der geschützte Raum einer stabilen Gruppe und fester Organisations- und Gebäudestrukturen gut, er kann eine Sicherheit vermitteln, die vorübergehend abhanden gekommen scheint.

Gruppenidentität

Extremer Zusammenhalt und die Demonstration des eigenen Anders-Seins nach Außen, kennzeichnen eine Durchgangsphase auf dem Weg zu einer balancierten und ausgewogenen gesellschaftlichen Gruppenidentität. Dieses Phänomen tritt auch schon in der Übergangsphase vom Jugendlichen zum Erwachsenen auf und wird dort in allerlei Insider-Kult-Aktivitäten ausgelebt.

Wenn sich die Identifikation mit festgelegten gesellschaftlichen Normen und Werten im Inneren auflöst, kann es helfen, sich an der Lehrmeinung und den Ritualen einer spirituellen Gemeinschaft festhalten zu können. Am Ende sollten aber auch die wieder losgelassen werden, um nicht in fundamentalistischer Gefangenschaft zu verharren.

Eine Gruppenidentität, die in einer echten inneren Heimat – einem Angekommen-Sein – begründet ist, braucht keine Abschottung gegen Anders-Artige. Das Gemeinschafts- und Wir-Gefühl basiert dann auf dem Gemeinschaft-Sein, nicht auf seinen Grenz-Setzungen nach außen.

„Extrawürste braten“ ist anstrengend

Der japanische Zen-Meister Kodo Sawaki formulierte folgende Aussage: „Warum sind die Menschen eigentlich alle so im Stress? Weil sie so beschäftigt damit sind, sich ihre eigenen Extrawürstchen zu braten.“ Man könnte das auch ein wenig anders formulieren: Die Ego-Aktivität des Anders-Sein-Wollen, unsere Strebungen, uns von der Masse des Mainstreams unbedingt abzuheben, kosten eine Menge Kraft.

Es ist die Anstrengung, des Gegen-den-Strom-Schwimmens, das auf jeden Fall erschöpfender ist, als sich einfach im Flow treiben zu lassen. Wenn viele an einem Strang ziehen können, wird das Leben wieder entspannter und wir können mehr bewegen.

Individuation und Gemeinschaft

Ein gelungener Individuationsprozess führt zurück auf den Marktplatz und in die Gesellschaft. Der einzelne muss seine individuelle Freiheit nicht mehr durch Abgrenzung erhalten, sie ist selbstverständlich geworden. Ich-Sein, Wir-Sein und Frei-Sein stehen nicht mehr zueinander im Widerspruch.

Lili hat dann eine echte Wahl: Sie kann jeden Tag neu entscheiden, ob sie heute lieber das Dirndl oder die rote Robe oder ein ganz anderes Kleid tragen möchte. Mit jedem dieser Gewänder kann sie sich unbeschwert in ihrer gesellschaftlichen Mitwelt bewegen.

*****

Nachtrag am 4. 10.11:

Es geht mir mit diesem Text in keinster Weise darum, die Gruppierung der Osho-Sannyasins abzuwerten oder in eine sektiererische Ecke zu stellen.

Ich habe ihn geschrieben, um mir und meinen Leserinnen und Lesern das Phänomen der Gruppen-Identität zu verdeutlichen.

Für mich selbst gilt eher, dass ich mich immer in beiden Gruppen beheimatet fühlte: Meine spirituellen Wurzeln habe ich in einem sinnlich-bodenständigen bayrischen Katholizismus, der mir auch heute noch etwas gibt. Auch wenn ich mich selbst nicht so bezeichnen würde, entsprach und entspricht meine spirituelle Suche über weite Strecken meines Lebens dem, was oben als die hinduistische Sannyasin-Definition genannt wurde.

Die Kunst, beides zu leben, gelingt mir zunehmend immer besser.

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3 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. 5. Oktober 2011 18:20

    Danke, liebe Marianne,
    amüsante Betrachtung zur Gruppenbildung, nur erscheint mir Deine Perspektive ein wenig zu lieblich. Meine Synopsis würde daher lauten: Individuelle Uniformität führt eher zu individuierter Konformität anstatt zur Individuation.
    Servus Matthias

    • Marianne Permalink*
      5. Oktober 2011 19:02

      Lieber Matthias,

      das verstehe ich nicht:

      “Individuelle Uniformität führt eher zu individuierter Konformität anstatt zur Individuation.”

      Ich habe das so geschrieben, weil ich mich viele Jahre in meinem eigenen Individuationsprozess von allen möglichen gesellschaftlich-systemischen Strukturen abgrenzen musste und jetzt zunehmend merke, dass das nicht mehr nötig ist. Die Polarität Individuum – Gesellschaft hat irgendwie ihr Konfliktpotenzial verloren.

      Mit herzlichem Gruß
      Marianne

  2. 5. Oktober 2011 19:24

    Danach wäre es wohl Konformität durch Abgrenzung, die Dich ereilte. Da dem jedoch, wer Dich kennt, nicht so ist, ist es wohl eher die Individuation überschreitende Wessensweiterung, die Dich nicht in die Falle tappen ließ. Schließlich – so meine Sicht – sind wir keine Individuen; ja wir sind es noch weniger, je mehr wir uns dafür halten und dagegen umso mehr je weniger wir es sind.
    Doch versuche nicht zu sehr, mich zu verstehen, mich kalauert es gerade arg.
    Servus Matthias

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