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Focusing-Therapie

21. Oktober 2011

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Einen Lehrer haben, den man ein Leben lang verehrt, ist ein Geschenk. Mir ist so einer über den Weg gelaufen als ich 23 Jahre alt war und darauf brannte zu lernen, wie Psychotherapie geht. Das Wichtigste, was ich von ihm gelernt habe ist, wie ich meinen ur-eigenen nächsten Schritt finden kann, nicht mehr und nicht weniger. Viele Schritte ergeben einen Lebens-Weg. Ich werde ihn gehen, bis mein Leben aufhört – in meinem Therapiezimmer und im Alltag.                             

Wie “ES” geht …

Wenn ich mich frage, was mein Lehrer mir eigentlich beigebracht hat, dann taucht ein Bild auf, immer wieder: Wir sitzen zusammen um einen Tisch in seinem umgebauten alten Bauernhof und ich stelle ihm eine Frage. Den Inhalt der Frage habe ich längst vergessen, seine Antwort auch. Was ich nicht vergessen habe ist, was er damals gemacht hat. Er hat kurz innegehalten, in sich hineingespürt und dann erst geantwortet, ganz einfach! Die Antwort erschien mir wesentlich, das weiß ich auch noch.

Jahre später hielt ich regelmäßig Workshops zusammen mit einem Kollegen, der auch Focusing praktizierte und unterrichtete. In einem dieser Seminare ereignete sich Folgendes: Ein Gruppen-Teilnehmer stellte mir eine Frage, ich spürte in mich hinein und gab erst nach einiger Zeit der achtsamen Hinwendung auf mein Erleben eine Antwort. Damals fragte mich mein Co-Referent, was ich in diesem Moment eigentlich gemacht hätte.

Es ist wie ein “Hineinfallen-Lassen” eines Tropfen in den “Inneren Ozean”. Er erzeugt dort eine Welle. Die Welle hat eine bestimmte Form, jede eine andere. Wir nennen das die “innere, körperlich gefühlte Resonanz”, bemerken es und richten unsere Aufmerksamkeit da hin. Dann verweilen wir dort und gehen den Bewegungen nach, in denen sich die Welle (Form) im Ozean des Erlebens auflöst und warten darauf, wie sich aus dem inneren Fluss eine neue Form ergibt, ganz von alleine. Das Wort, der Satz, den ich dann sage oder die Handlung, die ich dann tue, wird so zu einem Ereignis, das JETZT geschieht.

Das Neue ist wesentlich

“Aus dieser Art von Selbst-Aufmerksamkeit kann Neues entstehen.” So oder so ähnlich steht es in allen Focusing-Büchern, die auf dem Markt sind – es gibt mittlerweile ganz viele davon.

“Neu” und “Alt” ist ein Begriffspaar, das es ohne einander nicht gibt. Das Neue gibt es nicht ohne das Alte. Das Neue, aus dem JETZT geborene Erleben erscheint uns im Focusing wesentlicher als das Alte. Ihm geben wir mehr Bedeutung. Danach richten wir uns, darauf wollen wir uns einlassen.

Hinterfragend wie ich bin, habe ich schon damals als Lernende bemerkt, dass es ein Unterscheidungsvorgang ist, auf dem diese Vorgehensweise beruht. Im Moment des In-Sich-Hinein-Spürens halten wir zwar einen Moment inne, danach aber treffen wir eine Auswahl. Dieses Auswählen bedingt den nächsten Schritt. Ohne klare Unterscheidungskriterien, welchen Impulsen wir nun folgen wollen und welchen eher nicht, machen wir uns an dieser Stelle etwas vor. Wir erkennen nicht wirklich, was uns in diesem Moment “antreibt”. Unsere wahren Motive bleiben uns verborgen. Aus dieser Verwirrung heraus, können wir viele Runden – ein ganzes Leben – im alten, gewohnten  “Hamster-Rad” drehen, ohne es zu bemerken.

Und hier begann mein eigener Weg mit dem Focusing. Wie das geht, hat mich niemand gelehrt – nur, wie ich eigene Schritte finden kann.

Focusing-Therapie ist ein Paradoxon

Es gibt also nicht die Focusing-Therapie, sondern so viele Focusing-Therapien, wie es Therapeuten und Therapeutinnen gibt. Jede/r von uns geht ihren/seinen ur-eigensten Weg. Insofern kann es auch kein Lehrbuch über Focusing-Therapie geben, weil das Lernen im Leben und nicht durch das Lesen von Büchern geschieht. Es ereignet sich JETZT in unserem gegenwärtigen Erleben.

Mehr muss ein Focusing-Therapeut eigentlich nicht wissen.

5 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. Gerd Klostermann Permalink
    21. Oktober 2011 13:19

    klasse Post, habe ihn mir sogar ausgedruckt!

    Danke!

    Gerd

  2. 21. Oktober 2011 20:51

    Kurz innehalten und nach Innen spüren… ja, das bringt vom blinden Reagieren zum bewussten Agieren – wunderbare Methode… Immer wieder wach werden/sein… danke für die Erinnerung!

    Liebe Grüße ♥
    gabi

  3. Systemtheoretiker Permalink
    25. Oktober 2011 23:38

    ich nenne so etwas intuition. eigentlich nichts ungewöhnliches wenn es darum geht eine weise entscheidung treffen die nicht von zwängen bestimmt ist und womöglich auch gleichzeitig nach der eigenen bestimmung fragt. eigentlich für jemand, der versucht ein spirituell erleuchtetes leben zu führen etwas völlig selbstverständliches.

    ich frage mich anhand dieser normalen sache, warum man daraus so ein goldenes kalb kreiert?
    Warum muß ich auch andere verehren um eigene Erleuchtung zu finden? mache ich mich nicht vielmehr von ihrem Geist abhängig, anstatt meinen eigenen Geist zu fragen?
    ich halte personenkult bedenklich für den eigenen weg der erleuchtung.
    da die erkenntnisse des anderen nie die eigenen sind, und man sich daher vor Nachahmung hüten sollte, die über das reine inspiriert werden vom vorbild hinaus gehen.

    das “reich gottes” findet man nur in sich selbst und nicht im handeln anderer “propheten”.

    • Marianne Permalink*
      26. Oktober 2011 08:05

      Hallo Systemtheoretiker(in),

      nur damit es kein Missverständnis gibt: Ich habe hier von dem Lehrer erzählt, der mir am meisten über die Heilkunst “Psychotherapie” vermitteln konnte.

      Allerdings handelt es sich hier um eine therapeutische Haltung, die mein ganzes Mensch-Sein, also auch meine Spiritualität mit einbezieht.

      Die Regie über alle meine Entwicklungen bleibt dabei vollständig bei mir, bzw. bei meinem Selbst-Prozess. Als religiöser Mensch könnte man auch sagen “in Gottes Hand”.

      Gruß
      Marianne

      • 26. Oktober 2011 16:35

        ich muß zugeben die Formulierung der Aussage ist mir auch nicht ganz geglückt und war zudem etwas drastisch formuliert. Trotzdem danke daß du es nicht mißverstanden hast :)

        “Psychotherapie” ist für mich ein Akt der Selbstreflektion – notfalls durch einen anderen Menschen, oder mit dessen Hilfe oder sein Vorbild. Jedoch sehe ich die Aufgabe ganz bei mir selbst in einer spirituellen Selbstüberwindung. “Psychotherapie” und der “Weg der Erleuchtung” sind für mich ein und das selbe – aber jeder macht da andere Unterscheidungen für diese Prozesse :)

        Ich stelle auch bei mir immer wider fest, wie leicht man aber doch gern an den Lippen anderer charismatischer Menschen hängt. Es scheint wohl ein gewisses materielles Erbe zu sein, etwas von jemand anderem zu begehren (seine charismatische Aufmerksamkeit, Zuwendung/Liebe) was man bei sich selbst nicht sucht.
        letztendlich sucht jeder Mensch nach Liebe und Bestätigung. Durch die Materialisierung von Liebe und dessen Bindung an eine Person, entsteht auch meiner Ansicht nach ein Personenkult die sowohl “Meister” als auch “Schüler” durch gegenseitige Beeinflussung aus ihrer spirituellen Bahn wirft.

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