WIR – Verwirklichung
Gerade habe ich einen interessanten Kommentar in Wolf Schneiders Schreibkunst-Blog gelesen: Armin Jäger schreibt dort: “Unsere Generation wurde in ein Selbstverwirklichungs-Paradigma hineingeboren: ICH habe eine gute Idee, die ICH verwirklichen will. Ich fürchte, dieses Paradigma taugt nicht mehr. Wir brauchen ein »Wir-Verwirklichungs-Paradigma«. Die Fähigkeiten, aus diesem Paradigma heraus etwas Neues zu realisieren – die müssen wir alle erst noch lernen.”
Diese Aussage holt mich gerade in (m)einem eigenen Erkenntnisprozess ab. Gleichzeitig erschließt sie sich mir noch nicht ganz. Was bedeutet das?
Gegen den Strom
Selbst-Verwirklicher sind zunächst einmal in unserer Gesellschaft die, die gegen den Strom (Mainstream) schwimmen. In der Abgrenzung von Normierungen und Institutionen, entwickeln sie ihr eigenes Profil. Sie haben innovative Ideen und einen ausgeprägten Freiheitsdrang, wollen nicht buckeln und sich anpassen, sondern ihr »eigenes Ding« machen.
Sofort fällt mir da der Spruch des weisen Zen-Lehrers Kodo Sawaki ein: »Warum sind die Menschen eigentlich alle so im Stress? Weil sie alle so beschäftigt damit sind, sich ihre eigenen Extrawürstchen zu braten.« Selbstverwirklichung scheint also ein bisschen anstrengend zu sein. Nicht zuletzt deshalb, weil man sich ständig gegen andere abgrenzen muss.
»Aufhören mit dem Braten von Extra-Würsten« – könnte also ein erster Hinweis für die Entwicklung zur WIR-Verwirklichung sein.
Den Überlebens-Kampf beenden
Gesellschaftssysteme institutionalisieren den instinktiven Überlebenskampf der Spezies »Mensch«. Sie sichern das Überleben der Art in einem wettbewerbsorientierten Auslese-Verfahren. Wenn einzelne dabei auf der Strecke bleiben, wird das in Kauf genommen. Vom biologischen Standpunkt aus betrachtet, sind es eher die mit den »schlechten Genen«, die hier nicht gewinnen können.
Das beruht auf instinktiven Verhaltensprogrammen, die eher in den tiefen, animalischen Schichten unserer hirnorganischen Ausstattung beheimatet sind. Im Überlebenskampf setzen die sich durch.
Der Kampf ums biologische Überleben scheint also einem echten WIR-Erleben diametral entgegen zu stehen. Hier sind wir immer bereit, den Nächsten zu opfern, wenn es den eigenen Interessen dient und mir einen Vorteil bringt. Zu einer WIR-Verwirklichung führt das wohl nicht.
»Den instinktiven Wettbewerb beenden«, scheint also ein nächster Hinweis in die angepeilte Entwicklungs-Richtung zu sein.
Vom Selbst-Vertrauen zum Wir-Vertrauen
Gründer einer so genannten ICH-AG müssen mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein ausgestattet sein. Nur wenn sie an sich und ihre Geschäftsidee glauben und auch mit Durststrecken und Gegenwind leben können, haben sie eine Chance. Ohne Ellenbogen-Einsatz scheint ein Erfolg hier nicht möglich.
»Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott«, ist ein oft gehörter Spruch aus meiner Kinheit, der mir dazu einfällt. Das Vertrauen in die Kräfte eines separaten ICHs, soll gleichzeitig die Unterstützung des »Himmels« garantieren? Wie geht das mit der Erkenntnis unserer All-Verbundenheit und unseres Eins-Seins zusammen?
An dieser Stelle scheint mir die Not-Wendigkeit eines Paradigmen-Wechsels am deutlichsten auf.
Itai Doshin
Armin hat mich gerade noch auf eine neue Spur gebracht. Er wies mich auf den Itai-Doshin-Buddhismus hin. Wörtlich bedeutet das »verschiedene Körper, ein Geist«. Beim Googlen dazu fällt mir folgender Absatz ins Auge:
“Ganz offensichtlich besteht der Begriff Itai Doshin aus zwei Teilen. Der erste Teil bedeutet »verschiedene Körper«. Das Beeindruckende an diesem Buddhismus ist, dass wir tatsächlich jede Art von Mensch einbeziehen, und deshalb liegt unsere Stärke in der Vielfalt. In unserer Bewegung wollen wir so viele unterschiedliche Körper (damit ist natürlich nicht nur die physische Natur, sondern auch alle anderen verschiedenartigen Aspekte einer Person gemeint) wie möglich haben, weil die Grundlage unserer Ausübung der Wunsch nach Weltfrieden durch die Entwicklung des Herzens jedes einzelnen Menschen ist, und zwar nicht nur der Herzen der Menschen, die wie wir selbst sind.
Als Daisaku Ikeda über Itai Doshin sprach, sagte er, dass der wichtigste Teil von »verschiedene Körper ein Geist«, die Einstellung von »ein Geist« ist. Den Geist definierte er als unser Herz. Es ist also das Wichtigste für uns, wirklich im Herzen vereint zu sein.” (Quelle)
Im Herzen vereint
Das Bewusstsein, im Herzen mit allen Menschen vereint zu sein, als Grundlage für die Beendigung der zwischenmenschlichen Ellenbogenkämpfe und zur Erreichung eines Weltfriedens, erzeugt in mir gerade eine sehr gute Resonanz. Es klingt »wahr«.
Was meint Ihr dazu? Ich würde mich gerade an dieser Stelle über verschiedene Kommentare sehr freuen.
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Vielen Dank, dass Du den Faden hier weiter spinnst, Marianne!
Evolutionär sind wir ja in beide Richtungen gut angelegt: auf Überlebenskampf UND Kooperation.
Was die Kooperation anbelangt, waren wir schon mal weiter – in all den Institutionen, die einst eine Wertebasis lieferten und damit auch einen bestimmten Verhaltenskodex: vor allem die Kirchen. Aber auch Großfamilien, Dorfstrukturen, Gewerkschafen, Parteien … all das also, was unsere Generation als “zu eng” empfand. Sicher zurecht. Deshalb sind wir aus diesen Strukturen ausgebrochen und machen seither “unser eigenes Ding”. Beruflich, religiös, sozial. Meist mit mäßigem Erfolg. Doch sich neu zusammenzutun, da ist die Bindungsangst noch zu groß. Besonders in Deutschland, weil uns die Erzählungen aus zwei totalitären Systemen noch in den Knochen stecken.
Die Soka Gakkai, die Laienorganisation dieses Buddhismus, den du hier beschreibst, sie versucht, dieses Itai Doshin umzusetzen, was natürlich nur klappt, wenn ihre Mitglieder sich freiwillig verbinden, sich in ihr engagieren und die “verschiedenen Körper” zuerst ertragen und dann schätzen lernen. Der Lohn für diese Verbindlichkeit: Man lernt, was es an Weisheit, Mut und Kreativität braucht, um in allen Lebensbreichen für Menschlichkeit zu kämpfen.
Denn das Vereintsein mit den Herzen aller Menschen, wenn es nicht naiv sein soll, braucht neben grenzenlosem Mitgefühl auch Kampfgeist. Schließlich gibt es in der Welt noch jede Menge ausbeutende Kräfte, die es einzubremsen gilt.
Ob uns eine intelligente Kooperation gelingt, die die Stärken und Unterschiede aller Beteiligten optimal nutzt, und das auch noch auf Menschheitsebene, das bleibt offen und zu hoffen.
Ich glaube, genau dafür ist der Buddhismus einst angetreten. Es ging nie um die persönliche Erleuchtung. Es ging immer um die Erleuchtung aller.
Entweder alle oder keiner.
Lieber Armin,
nicht wirklich, würde ich sagen. Die Grundmotivation ist auch bei Kooperationen in der Regel nur das eigene Überleben. Man kooperiert nur solange, wie der Zusammenschluss beiden (allen) Ich-Interessen dient. Ändert sich das, wird die Kooperation aufgegeben.
Der entscheidende Unterschied in der buddhistischen Sichtweise scheint mir zu sein, dass der Strang, an dem alle Kooperationspartner ziehen, nicht ein individuelles, sondern ein kollektives Interesse ist, das sich an der Dharma-Lehre ausrichtet.
Natürlich gibt es da auch schon Modelle, wo das so ähnlich funktioniert. Mir fallen da z.B. die Anonymen Alkoholiker ein. Die physische und spirituelle Gesund-Entwicklung aller steht da im Zentrum.
Gruß
Marianne
Dass das “Überlebenskämpferische” überwiegt, da hast du sicher recht.
Auch damit, dass der Buddhismus die Ich-Illusion überführen will ins Große Ganze.
Bleibt die alles entscheidende Frage: Wie realisiere ich diese “Ausrichtung auf das Dharma” im Alltag? Vor allem in Kontexten, wo es um knappe Ressourcen geht?
Itai Doshin gelingt mir einigermaßen in ideellen und geschützten Kontexten. Aber als Geschäftsmann? Unternehmer? Kunde? An dieser Übertragbarkeit habe ich mir schon so manchen Zahn ausgebissen.
Tja, da habe ich natürlich auch kein Patentrezept.
Wird wohl auch in diesem Fall wieder darauf hinaus laufen, dass es sich im (erlebten) Außen erst verwandeln kann, wenn es innerlich verwirklicht ist.
Auf jeden Fall scheinen Herz-Qualitäten – auch im Business – nicht fehl am Platze zu sein.
Jetzt ist mir noch etwas dazu eingefallen:
Die Grundmotivation zum Überlebenskampf ist immer eine Form der Existenzangst.
Solange wir im Geschäftsleben Existenzsicherung betreiben, geraten wir automatisch in konkurrierende (kämpferische) Auseinandersetzungen mit unseren Mitmenschen, bzw. etablieren solche Systeme.
Echte Kooperationen entstehen nur in Frei-Räumen, in denen es nicht um Existenzsicherung geht, bzw. die nicht von persönlichen Existenzängsten verstellt sind, würde ich sagen.
Gruß
Marianne
Liebe Marianne,
viel zu wissen ist vergleichsweise leicht, sich meditativ zu versenken ebenso. Viel richtig zu machen, ist oftmals keine grosse Kunst, viel zu erreichen, gelingt auch durch Glück und Zufall. Viel an sich zu arbeiten, meistern auch Streber und Narzissten.
Aber das WIR mehr zu lieben als sich selbst, sich ihm ganz hinzugeben, aus der eigenen Verschlossenheit hinauszugehen, in seine wahre Grösse hineinzuwachsen, weil einem das nur durch ein tolles Wir gelingen kann, eigentlich nur durch das Du (Martin Buber), die vielen Du`s, ja dann fühlt sich das wirklich wahr und gut an. Erst im Wir zeigt sich, wer ich wirklich bin, wer dieses mysteriöse ICH wirklich ist. Prima Artikel.
Ganz liebe Grüsse,
Gerd