Was mich bewegt …

Maria-Anne Gallen: Gedanken, Erfahrungen, Einsichten

Mit dem Herzen sehen

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„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Dieser viel zitierte Satz aus dem „kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry begleitet mich durch mein Leben, seit ich ihn zum ersten Mal gelesen habe.

Aber wie geht das eigentlich und was sieht man aus dieser Perspektive des Herzen? Und was erkennt man dabei nicht, was übersieht man?  

Verschiedene „Brillen“

Menschliches Wahrnehmen ist immer ein Tun und auch ein Hinzu-Tun! Die vermeintlich objektive Wirklichkeit, die wir als Abbildung zu erkennen glauben, entsteht in Wahrheit ganz allein und ausschließlich in unserem Bewusstsein. Wie viel davon Spiegelung einer vorgefundenen Realität ist und wie viel eigene Konstruktion, darüber streiten sich die radikalen mit den eher gemäßigten Konstruktivisten – ich möchte diesen Streit an dieser Stelle nicht führen. Egal wie groß der Beitrag unserer Erkenntnismodelle und unseres Seh-Vermögens im Vorgang des Erkennens ist, objektiv sind die so gewonnenen Informationen keinesfalls. Ich schließe mich den postmodernen Wissenschaftstheorien dahingehend an, dass die Brille, die wir auf haben, einen großen Einfluss darauf hat, was genau wir sehen oder zu sehen glauben.

Meistens ist es uns jedoch nur sehr wenig bewusst, durch welche Brille wir gerade gucken! Besonders, wenn wir andere Menschen (vermeintlich) wahr-nehmen, spuken uns jede Menge Projektionen und Übertragungen aus unserer eigenen Erlebenswelt in das Bild – oder besser den Film – hinein. Je mehr uns jemand in unserem Leben bedeutet, desto mehr ist die Wahrnehmung seiner Person durch die Filter vorangegangener Beziehungserfahrungen und unerfüllter Sehnsüchte geprägt. Manchmal wird aber auch ein Mensch, dem wir gerade erst begegnet sind, zum Bedeutungsträger eigener (angenehmer oder schmerzhafter) Vor-Erfahrungen.

In esoterischen Zusammenhängen wird dann vielleicht vom Seelenpartner gesprochen, oder man ist davon überzeugt, den anderen schon mal in einem anderen Leben getroffen zu haben. Als nüchterner, wissenschaftlich geprägter Mensch des 21. Jahrhunderts, gehe ich in solchen Zusammenhängen lieber davon aus, dass das alles Phänomene sind, die wir in unserem eigenen Bewusstsein produzieren.

Die „Sicht“ des Herzens

Das „Sehen mit dem Herzen“ ist also nur eine Metapher für eine bestimmte Haltung, eine Einstellung im Vorgang der Wahrnehmung. Vermutlich gibt es auch da so viele Sichtweisen, wie es Menschen gibt. Ich kann hier nur meine eigene beschreiben:

Etwas Wesentliches erkennen, scheint mir einen Fokus zu erfordern, der durch die vordergründigen Erscheinungen hindurch sieht – ein unverstelltes Sehen! In der Achtsamkeitspraxis des Focusing pendeln wir dabei ständig mit unserer Achtsamkeit hin und her zwischen dem, was uns von außen entgegen kommt und der inneren Resonanz, die dazu entsteht. Wenn ich mit dem Herzen sehe, dann empfinde ich mein Herz-Chakra als den Ort dieser Antwort in mir.

Wenn Menschen sich freuen, kreativ sind, Neues entdecken, wenn Heilung und Entwicklungen geschehen, wenn Schönheit in der Kunst oder Natur mich berührt, ist die natürliche Herz-Resonanz Freude: Sich Mit-Freuen, berühren lassen, ganz tief angerührt sein. Manchmal umfängt mich dann auch einfach Stille und heiliger Frieden, ein Wissen, dass alles gut ist, so wie es ist.

Auf offensichtlichen Schmerz von Lebewesen, menschlichen Gemeinschaften und unserer Umwelt, reagiert das Herz ganz natürlich mit Mit-Gefühl. Es wird zum Zeugen der Wunden und Verletzungen. Ein trauriges Angerührt-Sein entsteht als innere Resonanz, das sich jedoch nicht durch Mit-Leiden mit dem Schmerz des anderen identifiziert.

Der „Blick“ auf unbewusstes Leid

Herzenergie hat eine starke transformatorische Kraft. Unbewusstheit fürchtet daher eine liebende Resonanz wie der Teufel das berühmte Weihwasser – außer sie möchte sich gerade in Bewusstheit verwandeln. Das nicht erkannte Leid, das im Verborgenen agiert, versucht sich vor dem Herz-Blick zu verstecken. Solche Wunden führen zu schmerzhaften Wiederholungserfahrungen und einem Gefangen-Bleiben in Täter-Opfer-Rollen.

Wenn wir unsere tiefen Verletzungen erkennen, kommen wir immer mit dem Schmerz in Berührung, denn eine offene Wunde erzeugt. Sie können dann heilen, wenn sie mit dem eigenen Mitgefühl berührt und durch Vergebung und Versöhnung verwandelt werden.

Die Kraft des Nicht-für-wahr-nehmens

Von einem (leider verstorbenen) guten Freund, der ein sehr reines und weites Herz hatte, habe ich die Herz-Sicht des Nicht-für-wahr-nehmens gelernt. In meinen eigenen Worten ausgedrückt, möchte ich sie so beschreiben: Ich sehe den Kreislauf des unbewussten Leids (von den Buddhisten Samsara genannt) und lebe gleichzeitig in dem Bewusstsein, dass er nicht wahr (selbsterzeugt) ist. Das heißt, ich mache ihn nicht dadurch zu einer Realität, dass ich ihn für wahr halte!

Diese Vorgehensweise lässt sich zum Beispiel sehr gut anhand von psychiatrischen Diagnosen veranschaulichen: Jemand kommt zu mir in die Praxis mit einer „Depression“. Mein mitfühlendes Herz reagiert mit einer ganz spezifischen Resonanz auf dieses Phänomen, ich möchte es hier mal als „dumpfes Watte-Gefühl“ beschreiben. Depression ist ein Gefangen-Sein, ein Stuck-State in unserem Erleben, der sich (häufig in Trauer) verwandeln will. Dadurch, dass ich ihn nicht für-wahr-halte und mit dem Herzen durch ihn hindurch sehe, kann ich einen solchen Auflösungsprozess oft unterstützen.

Im Buddhismus wird das auch als das nicht-streitbare Herz bezeichnet: Dieses Herz hat aufgehört, (vermeintliche) Fehler anderer bekämpfen, Unzulängliches verbessern und Krankheiten heilen zu wollen. Es kann sehen, dass alles genau so sein soll, wie es ist.

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