Was mich bewegt …

Maria-Anne Gallen: Gedanken, Erfahrungen, Einsichten

Die Kunst der Nicht-Reaktivität

2 Kommentare

Als ich vor vielen Jahren anfing, Beziehungsspiele zu studieren, schrieb ich folgenden Text:

DU und ICH, wir spielen ein Spiel. DU spielst es nach deinen Regeln, ICH spiele es nach meinen Regeln.
DU kennst deine Regeln nicht, ICH kenne meine Regeln nicht. Und doch bestimmen die Regeln, was gespielt wird.
Wenn dir das Spiel nicht mehr gefällt und mir das Spiel nicht mehr gefällt…
…dann sollten wir vielleicht einmal kurz das Spiel unterbrechen, uns zusammensetzen und uns unsere Regeln anschauen.
DU kannst mir viel über meine Regeln sagen. ICH kann dir viel über deine Regeln sagen.
Und WIR können uns entscheiden, das Spiel anders zu spielen, wenn wir unser Regelwerk besser kennen.

Das ist nun fast 20 Jahre her. Ich weiß noch, dass mir damals das Spiel „Mensch-ärgere-dich-nicht“ im Sinn war. Dort sind die Regeln  klar: Wenn man auf das Feld eines Gegners kommt, kann man ihn hinauskicken und es geht darum, möglichst schnell, seine eigenen Hütchen ins Haus – seine „Schäfchen ins Trockene“ – zu bringen.  Die Kunst ist, sich darüber nicht zu ärgern: Gelassen-bleiben im spielerischen Kampf ums eigene Überleben und Gewinnen-Wollen und bei Kollisionen mit anderen!    

Regelkreise

Damals begannen mein Kollege Hans und ich, die „Vogelperspektive“ im Beziehungsgeschehen zu erkunden. Im systemischen Ansatz ist das eine Operation 2. Ordnung: Zwei Personen hören auf, sich zu bekriegen und nehmen gemeinsam die Beobachterposition zu ihrem eigenen Verhalten ein. Wir zeichneten Regelkreise: Teufelskreise und Engelskreise. Die Teufelskreise funktionierten nach dem Prinzip „je mehr destruktives Verhalten und Emotionalität beim einen, desto mehr desselben beim anderen“. Man kann so erkennen, wie sich Persönlichkeitsstrukturen ineinander verhaken und eine gemeinsame Spirale in die Tiefe der Verstrickung entsteht. Jeder ist dabei Täter und gleichzeitig Opfer. Mit den Engelskreisen kam die Liebe ins Spiel: Etwas Verständnis für das „Spiel“ des anderen öffnet schon das Herz, er/sie kann ein bisschen aufmachen und sich von einer anderen – liebevolleren – Seite zeigen. Das war damals unser „Ausstieg“ aus den negativen Beziehungsmustern. Er funktioniert aber nur, wenn zwei sich gemeinsam auf den Weg machen und danach suchen.

Versteinerungen

Heute meine ich, ein bisschen schlauer geworden zu sein im Erkennen, wie die Verwicklungsdynamik unserer Charaktermuster funktioniert: Ein Teil unserer Persönlichkeitsstrukturen sind Reaktionsbildungen auf Nöte und Krisen, die wir in unserem Leben zu bewältigen hatten. Diejenigen, die sich im Überlebenskampf bewährt haben, fahren sich fest, werden zu eingefleischten Gewohnheiten. Sie lassen das schmerzhafte Gefühl der eigenen Not verschwinden – gleichzeitig geht aber auch jedes Mal ein Stückchen Herzoffenheit und Unschuld verloren. Unmerklich legen wir uns so eine Panzerung zu, die das Herz nach und nach härter werden und versteinern lässt. Ohne es zu bemerken.

Gegenseitige Verletzungen

Aus diesen Versteinerungen heraus, werfen wir mit Steinen – wieder ohne es zu bemerken! Der andere sagt „Autsch“ und wir wundern uns. Wir hatten gar nichts Böses im Sinn. Schon sind Verletzungen passiert. Je wichtiger die andere Person uns ist, desto mehr tut es weh, desto mehr können wir zerstören. Im Tierreich (dem Bereich der Instinkte) gibt es darauf drei Antworten: Flucht, Tot-Stellen oder Angriff. Unsere Reaktionsbildungen folgen in der Regel einem dieser Muster. Sie halten die Teufelskreise am Laufen.

Die Kunst, sich nicht zu ärgern

Wenn es darum geht, die Dynamik der Reaktionsbildungen umzukehren, dann ist es wirklich wie im Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel: Zeige keine negativen Reaktionen auf die Steinwürfe deiner Mitspieler! Werfe keinen Stein zurück, auch nicht den winzigsten Kiesel! Ganz schön leicht gesagt, vor allem, wenn es ordentlich weh getan hat. Es ist ein einseitiges Unterbrechen der Teufelskreise. Sehr wirkungsvoll!

Die Kunst der gleichen Ebene

Durch das gerade erschienene Buch von Artho Witteman („warum wir erst anfangen, uns selbst zu verstehen“) habe ich noch einen neuen „Kunst-Griff “ gelernt: Begib dich auf die gleiche Ebene wie dein Mitspieler! Dazu musst du erstmal herausfinden, welche seiner vielen Teilpersönlichkeiten mit dir spielt: Ist es eine „träge Schildkröte“, ein „Angeber“, ein „knallharter Manager“, ein „scheues Reh“, oder wer auch immer. Du musst es herausfinden und dann diesen Teil in dir selbst aktivieren. Wenn du aus der gleichen „Welt“ heraus reagieren kannst, dann verschwindet die Angst und damit das Abwehrverhalten des anderen. Es kommt gar nicht erst zu Kollisionen.

Häutungen

Auf diese Art können sich nicht nur einzelne Personen oder Teilpersönlichkeiten, sondern ganze Beziehungssysteme häuten. Nach und nach verschwindet eine Lage von Reaktionsbildungen nach der anderen. Zurück bleiben Herzlichkeit und gegenseitiger Respekt.

Advertisements

2 Kommentare zu “Die Kunst der Nicht-Reaktivität

  1. Liebe Marianne, da fällt mir spontan eine alte Indianerweisheit ein, die ich sinngemäß so weitergeben kann: „Man muss mindestens zwei Wochen in den Mokassins des „Feindes“ gegangen sein, ehe man sein Urteil fällt.

    Hier genau liegt aber die große Schwierigkeit: Wer ist, wenn er sich im Beziehungsklinch verhakt hat, schon in der Lage dazu?
    Wer- um zu Wittemann zu kommen- hat in der akuten Situation die Fähigkeit und innere Freiheit, sich verschiedene Teilpersönlichkeiten vorzustellen, und sich auch noch auf sie einzustellen?
    Wenn ich dazu in der Lage bin, dann ist mein Herz für den anderen bereits offen.
    Das sind Empfehlungen, die sich als zweiter Schritt eignen, nachdem die Person durch die akute Verletzung hindurchgegangen ist, und wieder zu Reflexion in der Lage ist.
    Was aber könnte der erste Schritt sein, der Schritt, der mich befähigt, wieder achtsam zu werden.
    Ich bin überzeugt, dass viele kluge Bücher in der Praxis daran scheitern, dass sie die ratlosen Leser nicht dort abholen, wo sie gerade sind, sondern ihnen zu viel abverlangen.
    Man liest das, nickt verstehend – ja, so sollte es gehen – und dann kommt die nächste „Kränkung“ und alle klugen Sätze sind verschwunden.
    Ich suche nach Etwas, das den Zerstrittenen und Verletzten hilft, möglichst rasch in die Situation zu kommen, um sich die Mokassins anzuziehen.
    Liebe Grüße
    Gritta

    • „Ich suche nach Etwas, das den Zerstrittenen und Verletzten hilft, möglichst rasch in die Situation zu kommen, um sich die Mokassins anzuziehen.“

      Liebe Gritta,

      schöne Indianerweisheit!

      Ich glaube, jemand muss mindestens einmal in seinem Leben die Erfahrung gemacht haben, dass es IHM SELBST etwas bringt, in den „Schlappen“ des (vermeintlichen) Widersachers herum zu laufen, um das wiederholt zu tun.

      Für mich hat diese „Übung“ mit dem Einfühlen in die neun Enneagramm-Typen begonnen und macht auch heute immer noch Sinn, wenn es um die „Dämonen“ in der Chöd-Übung geht.

      Mit herzlichem Gruß
      Marianne

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s