Was mich bewegt …

Maria-Anne Gallen: Gedanken, Erfahrungen, Einsichten

Ich und Nicht-Ich

5 Kommentare

Untertitel: Das evolutionäre SELBST –  frei nach Robert Kegan

 Auf das mystische Erleben der Ich-Losigkeit wird aus vielen konzeptuellen Perspektiven geschaut. Allgemein bekannt sind hier zum Beispiel die »anatta-Lehre« im Buddhismus und auch die verschiedenen Sichtweisen des klassischen »Advaita vedanta« und des so genannten »Neo-Advaita«. Ihnen gemein ist der Ansatz, auf die Formlosigkeit des Ich-Erlebens beziehungsweise das Aufgehen des Ichs im All-Einen hinzuweisen.

Einen ganz anderen Versuch unternehmen die Stufenmodelle von Entwicklungs-Theoretikern: Ihnen geht es in ihren Konzepten um die Wandlung der Ich-Erlebens-Formen im menschlichen Lebenslauf. Eines davon möchte ich hier mal heraus greifen, weil ich es phänomenologisch besonders gut einfühlbar finde: „Die Entwicklungs-Stufen des Selbst“ von Robert Kegan. Er zeichnet sein entwicklungspsychologisches Modell als aufsteigende Spirale, die durch 6 verschiedene Stadien führen kann.

Die 6 Stufen (s. Abbildung) nennt er Subjekt/Objekt-Gleichgewichtszustände. Was ist damit gemeint? Robert Kegan unterscheidet die wichtigen Etappen in unserem Ich-Erleben danach, welche Wahrnehmungen und Erlebnisse wir jeweils als zu uns gehörig, subjektiv oder »meinhaft« erleben und was uns als objektiv, und nicht zu uns gehörig, erscheint. Auf alles, was einem Subjekt als ein Objekt vorkommt, kann es Bezug nehmen.

Entwicklungspsychologen gehen heutzutage davon aus, dass bei einem Neugeborenen alle Wahrnehmungen in einem subjektiven Raum auftauchen und noch keine Unterschiede zwischen »innen« und »außen« gemacht werden. Hunger, der von innen kommt, wird ähnlich unangenehm erlebt, wie zum Beispiel grelles Licht, das von außen auf es einwirkt. Genauso ist es mit angenehmen Erlebnissen. Diesen Gleichgewichtszustand nennt er die Stufe 0 bzw. das »einverleibende Selbst«. Die Außenwelt wird hier völlig ins Ich-Erleben integriert oder anders ausgedrückt: Alles ist »ich«, es gibt noch kein »du«.

Stufen 1 bis 4 – die »normal-menschliche« Entwicklung

Die Stufen 1 – 4 in Kegans Modell könnte man grob mit »Kleinkind« (1: impulsiv), »Schulkind« (2: autonom), »Jugendlicher« (3: zwischenmenschlich) und »Erwachsener« (4: institutionell) betiteln. Ihre Organisationsformen unterscheiden sich vor allem dadurch, dass sich die Grenze zwischen wahrgenommenem »ich« und erlebtem »nicht-ich« immer weiter nach innen verschiebt: Der als »zum ich gehörige« Teil des Erlebens wird also im Laufe des Lebens immer kleiner, die Bezugs-Welt (Objekt-Bereich) dieses »ich« immer größer.

Robert Kegan beschreibt in seinem Modell eindrucksvoll, wie sehr die jeweilige Ich-Stufe, die Wahrnehmung (Konstruktion) unserer Innen- und Außenwelt verändert. Ein Kleinkind (Stufe 1) erlebt sich noch in einer sehr raumgreifenden Innenwelt, die von Emotionen und Impulsen geprägt ist. Seine Außenwelt tritt vornehmlich als Erfüllungsgehilfe seiner Wünsche, bzw. grenzsetzende Instanz in Erscheinung. Für das Schulkind (Stufe 2 – autonom) hat die soziale Umgebung schon eine viel größere Reichweite: Da gibt es neben der Kleinfamilie Gleichaltrige (eine peer-group), mit denen man sich arrangieren muss und Autoritätspersonen wie Lehrer fordern erste gesellschaftliche Anpassungsleistungen. Der Jugendliche (Stufe 3) entdeckt und erlebt das »Du« als bedeutungsvolles zwischenmenschliches Gegenüber, und die Freude und das Leid, das ihm dort Angenommen-Sein und Zurückgewiesen-Werden bereiten können.

Als die besondere Errungenschaft des Erwachsenen-Alters stellt Kegan heraus, dass sich hier das »Ich« zum ersten Mal als eine »Institution« erlebt: Die Bedeutungsentwicklung erreicht hier „eine Stufe, auf der das Selbst einen stimmigen Zusammenhalt auch dann wahrt, wenn es an verschiedenen Beziehungen mit anderen beteiligt ist; damit erlangt das Selbst Identität. Kennzeichnend für dieses Selbst ist die eigene Autorität – wir haben nun ein Selbstempfinden, wir besitzen Selbstständigkeit, wir gehören uns selbst. Nicht mehr »ich bin meine Beziehungen«, sondern »ich habe Beziehungen«. Das neue Ich ist die Instanz (Institution), die dieses Haben verursacht.“ Gefühle werden nun „durch einen übergeordneten Bezugsrahmen relativiert, nämlich durch die psychische Institution und durch zeitgebundene Konstruktionen wie Rolle, Norm, Selbst-Konzept, Selbst-Kontrolle, die diese Institution aufrechterhalten.“ (S. 141/142)

Entwicklung bedeutet Wandel und Umbruchskrisen

An der wiederholten Verschiebung der Ich-Grenzen wird schon deutlich, wie wenig Sinn es macht, das »Ich« als eine feststehende Instanz zu betrachten. In dieser Sichtweise ist es ein sich ständig wandelnder Bezugspunkt. Den Begriff  »Mensch« definiert Kegan als »eine immer fortschreitende Bewegung, die ständig einer neuen Gestalt entgegenstrebt« (S. 27).

Die Umbrüche und Wandlungen der Stadien im »Selbst-System Mensch« verlaufen immer krisenhaft, wie er eindrucksvoll aufzeigt. Die »Krise« wird hier also als ein Normalfall betrachtet, der immer dann eintritt, wenn eine Organisationsform sozusagen ausgedient hat und im Lebensfluss durch eine neue ersetzt werden wird: Das Alte greift nicht mehr recht, das Neue ist noch nicht stabil vorhanden. Kegan lehnt sich dabei an den bekannten Schweizer Pädagogen Jean Piaget an, der das in vielen eindrucksvollen Experimenten für die kognitive Entwicklung des Menschen nachgewiesen hat.

In den instabilen Übergangsphasen ist auch die Wahrnehmung und Konstruktion des Bedeutungssystems variabel: Mal wird die Wirklichkeit nach dem alten Bezugsrahmen interpretiert, dann wieder nach dem neuen. Immer braucht es einiges an Einübung, bis sich ein neues Gleichgewicht auf neuem Niveau stabilisiert hat. Die Übungsaufgaben stellt das Leben selbst. Einem Kind muss niemand sagen, wie es etwas zu lernen hat. Seine Entwicklung wird – wenn keine Störeinflüsse eintreten – von einem inneren, natürlichen und schöpferischen Prozess geführt, der nach einem »Stirb-und-Werde-Prinzip« abläuft.

Die Entwicklung zum überindividuellen Gleichgewicht – Stufe 5

Aus der Perspektive des an spirituellen Themen interessierten Erwachsenen erfährt im Entwicklungsmodell Robert Kegans der Übergang zur Stufe 5 ein besonderes Augenmerk: Was passiert den nun hier in der Bedeutungsbildung unserer Ich- und Selbstbezüge, wenn eine als Identität erlebte innere »Institution« abdanken muss und durch welches neue Gleichgewicht wird sie dann eigentlich ersetzt?

„Nun beginnt man mit dem Entwurf einer Weltanschauung, welche Widersprüche und Gegensätze integrieren und sich nach mannigfaltigen Denksystemen richten kann. Zunehmend sieht man ein, dass es bei dem »Projekt Leben« nicht darum geht, den Fortbestand einer bestimmten Form des Selbst zu verteidigen, sondern um die Fähigkeit, das Selbst an sich buchstäblich transformativ sein zu lassen. Das Selbst könnte man als eine Art Durchschreiten verschiedener Bewusstseinsformen beschreiben und nicht als die Identifizierung mit einer dieser Formen, die es dann zu verteidigen gilt.“

Das Verlassen der institutionellen Stufe des Erwachsenen-Ichs bedeutet also in diesem Modell die Des-Identifikation von jeglicher Form und das Zulassen eines sich ständig-wandelnden Bewusstsein. Am Anfang der Übergangsphase dorthin werden alle Formen erstmal verlassen und aufgelöst, um sie dann in eine neue Perspektive zu re-integrieren. „Wenn man sich dieser konstruktiv-transformativen Seite annähert, dann erlangt man die Fähigkeit, mit all jenen Ideologien erneut in Beziehung zu treten und zu erkennen, dass sie alle unvollständig und einseitig sind.“

Entmystifizierung der Ich-Losigkeit

Die laufende Um-Organisation unserer Selbst-Wahrnehmung und das Eintreten in ein Bewusstsein, in dem sie mit keiner Form mehr identifiziert ist, wird hier also als ganz natürliche Entwicklungsmöglichkeit im Erwachsenenalter betrachtet. Kein mystischer Hokuspokus, kein Besonders-Sein! Allerdings haben Kegans Forschungen auch ergeben, dass nur etwa 20% der erwachsenen amerikanischen Bevölkerung überhaupt die vierte Organisations-Stufe erreicht haben und nur ein verschwindend geringer Anteil davon, sich darüber hinaus entwickeln kann. Ein voll verwirklichtes überindividuelles Ich-Bewusstsein kann er selbst sich nur mühsam vorstellen, eine Entwicklung darüber hinaus nicht mehr (vgl. WIE-Interview).

Entwicklung zur Selbst-Losigkeit

Die höchste Gleichgewichts-Stufe in diesem Modell kennt auch keine Grenze mehr zwischen Subjekt und Objekt und sie umfasst die Errungenschaften aller vorherigen Stufen. Ein Kreis schließt sich. Diese Integration enthält auch den Säugling, das Kleinkind, das Schulkind, den Jugendlichen und den Erwachsenen in uns. Selbst-Losigkeit bedeutet, mit keinem davon identifiziert sein – schon gar nicht mit dem, vom Leben verletzten und bedürftig gebliebenen, kindlichen Anteil.

Gleichzeitig beinhaltet sie die Vielfalt aller menschlichen Seins-Weisen: Hingebungs- und vertrauensvoll wie ein Säugling, impulsiv und abgrenzend wie ein Kleinkind, die Außenwelt erobernd wie ein Schulkind, sich der Leidenschaft und Beziehungen hingebend, wie ein Jugendlicher, verantwortungsvoll und gesellschaftliche Rollen übernehmend wie ein Erwachsener.

Alles zu seiner Zeit!

*****

Literatur:

Kegan, R.: Entwicklungsstufen des Selbst. München, 1994, 3.Aufl. WIE-Was ist Erleuchtung 8: Bist du bereit, dich jetzt zu ändern? Zur Dynamik menschlicher Transformation, Frühjahr 2003.

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Diesen Text habe ich im November 2014 nochmal neu überarbeitet.

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5 Kommentare zu “Ich und Nicht-Ich

  1. Liebe Marianne,

    grundsätzlich: Modelle sind nicht das Leben. Modelle skizzieren Ideen, um sie begreifbar zu machen. Aus dieser Perspektive besitzt Kegans Modell Charme. Doch wie gesagt, der Reiz reizt das Verstehen; gelebt entbehren diese Sphären diesen Impuls. Panta rhei …

    Zitat: „Selbst-Losigkeit bedeutet, mit keinem davon identifiziert sein – schon gar nicht mit dem, vom Leben verletzten und bedürftig gebliebenen, kindlichen Anteil.“

    Dem möchte ich zustimme und zugleich Gesagtes überhöhen: Selbstlosigkeit bedeutet auch, nicht mit der Nicht-Identifikation identifiziert zu sein. Doch für noch spannender halte ich die Situation der vom Leben verletzten Anteile. Sie bewahren ihre Narben. So wie ein Baum, in den der Blitz einschlug, seine Wunde zwar schließen und umwachsen wird. Jedoch wird er seine Narbe niemals verlieren, und sie wird ihn von Fall zu Fall zwingen, sich ihr gemäß zu organisieren.

    Ebenso sind die Narben des Lebens untergründige Strukturen im Flussbett des Daseins. Durch sie entstehen Gumpen, Stromschnellen und Wirbel. Sie verleihen dem Fluss seinen unverwechselbaren Charakter. Sie mögen sich durch Auswaschungen und Versandungen wandeln, doch sie bleiben ursächlich für die Eigenart des Umflossen-werdens. Selbstlosigkeit entlässt demnach nicht das „Selbige“, sie entsetzt allerdings seinen Identifikationspunkt.

    Gruß Matthias Mala

    • Lieber Matthias,

      ich bin viel mit solchen „Landkarten“ (Modellen) „gereist“. Sie können manchmal nützlich sein, um sich im „Gelände“ besser zurecht zu finden. Wenn das Gelände ausreichend erforscht ist, braucht man keine Karten mehr – man kennt sich dann aus.

      Zu deinem wunderschönen Sprach-Bild über die Narben des Lebens möchte ich einfach ein Foto einfügen, das ich vor ein paar Jahren im Wald vor meiner Haustüre aufgenommen habe:

      verwundeter_baum

      Gruß
      Marianne

    • Lieber Matthias,

      bin gestern mal wieder an diesem Baum vorbei gekommen und habe mit Vergnügen festgestellt, dass sich die „Wunde“ geschlossen hat:

      Baumnarben

      Offensichtlich scheinen auch die „Narben des Lebens“ in einem gewissen Umfang noch zu Wandlungen fähig zu sein. 🙂

      Herzlich
      Marianne

  2. Liebe Marianne,
    beide Bilder sind sehr berührend. Stark ist das erste Bild, in dem das Schattenspiel dem Blut der Buche eine Ahnung von Schorf gibt und hierdurch den Eindruck von Verwundung noch verstärkt. Gleichzeitig mutet es an wie ein Wechselspiel mit dem Beobachter, dessen Abbild sich im Wundmal verschwommen widerzuspiegeln scheint.
    Bejahen wir erlittene Verletzungen, leben wir sie ein; hierdurch verwachsen die Narben mit einem neuen Heilsein.
    Herzlichen Gruß
    Matthias

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