Was mich bewegt …

Maria-Anne Gallen: Gedanken, Erfahrungen, Einsichten

Die Persönlichkeit im spirituellen Kontext

9 Kommentare

Im dritten Semester meines Psychologiestudiums musste ich das Fach „Persönlichkeitspsychologie“ belegen. Das Lehrbuch, das wir damals benutzten, steht immer noch in meinem Regal. Darin ist zu lesen, dass im Jahre 1937 von einem Herrn Allport alle bis dahin bekannten Definitionen des Begriffs „Persönlichkeit“ zusammen getragen wurden, er kam auf über 50!  Ich werde mir an dieser Stelle also erlauben, diesen Begriff noch einmal selbst neu zu definieren, so wie er mir im transpersonal-psychologischen Kontext sinnvoll erscheint:
Mit „Persönlichkeit“ meine ich die Summe aller erworbenen Prägungen, die ein lebender Mensch mit sich herum trägt. Bei dieser Definition bewege ich mich von der Wortbedeutung her sehr nahe an der Herkunft des Worts „Charakter“. Es stammt aus dem Alt-Griechischen und bedeutet dort „das Geprägte“. Bei den alten Griechen wurde damit eine Analogie zur Produktion von Münzen hergestellt.

Unsere Persönlichkeit sehe ich also als etwas an, was wir geworden sind und nicht schon immer waren. Ich vermeide hier bewusst eine Angabe darüber, wie wir das geworden sind und in welchen Zeiträumen sich diese Prägungen ereignet haben. Dort lohnt es sich nämlich, genauer hinzusehen und verschiedene Unterscheidungen einzuführen.

Wie zeigt sich unsere Persönlichkeit?

Als Definition für den Begriff Charaktermuster, haben Hans Neidhardt und ich in unserem Enneagramm-Buch folgende Beschreibung verwendet:

Ein Charaktermuster ist  ein bestimmter Stil des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens und Verhaltens,  der uns zur Gewohnheit geworden ist und uns deshalb „normal“ vorkommt, der weitgehend automatisiert, uns daher nicht oder nur teilweise bewusst ist, den wir nicht willentlich oder absichtlich benutzen („Ich kann eben nun mal nicht aus meiner Haut“, sagen wir dann) und von dem wir nicht mehr so genau wissen, wie und unter welchen Umständen wir ihn uns angewöhnt haben.

Stilistische Eigenart

Die Prägung erzeugt also eine spezifische Form oder Struktur, die man als unsere jeweilige stilistische Eigenart auffassen könnte: Meine Art und Weise zu sprechen, zu denken, zu fühlen, zu handeln ist anders als deine – wir sind verschieden! Oh, in welches Wespennest trete ich da, wenn ich in der Welt der Esos und Spiris, in der alle nach Einheit streben, von Verschiedenheit schreibe! Mehr noch, ich behaupte sogar, dass alle mystischen Erfahrungen, auch Erfahrungen der Ego- und Ichlosigkeit nichts an diesen eingefleischten Strukturen verändern.

„After the ecstasy, the laundry“ – nach der Ekstase kommt das Wäschewaschen -, so lautet der englische Titel des Buches „das Tor des Erwachens“ des buddhistischen Lehrers Jack Kornfield. Anders ausgedrückt: Einheitserfahrungen sind der Türöffner dafür, dass sich solche (karmischen) Prägungen auflösen können – ohne tätige eigene Bewusstwerdung ändert sich jedoch gar nichts. Der geweitete Geist bleibt im Gefängnis der immer schon dagewesenen stilistischen Eigenarten gefangen. Die Außenwelt mag vielleicht wahrnehmen, dass der Mensch nun über andere Dinge spricht und sich seine Interessen verändert haben, in seinen Charaktereigenschaften bleibt er der gleiche.

So ist es auch zu erklären, dass Menschen, die von ihren Anhängern als heilig oder erleuchtet angesehen werden, im Hinterzimmer sexuellen Missbrauch mit Abhängigen treiben. Sie erzeugen damit unzweifelhaft wieder unheilvolles Karma, führen den Kreislauf des Leids fort. Es sind unbewusste Prägungen in ihrer Persönlichkeitsstruktur, die dafür verantwortlich sind.

Gewohnheit und Unbewusstheit

Mit unseren Persönlichkeitsmustern leben wir zuächst in einer solch gewohnten Vertrautheit (Identifikation), dass sie uns gar nicht auffallen. In der Regel machen uns erst unsere Mitmenschen, die sich an gewissen Eigenarten stoßen, darauf aufmerksam. Spätestens jedoch in der Krise der mittleren Lebensjahre fangen die meisten von uns damit an, das Einengende an ihren Charakter-Gewohnheiten zu spüren.

Biologisch betrachtet, ist diese automatisierte Unbewusstheit sinnvoll. Sie ermöglicht instinktives und damit sicheres Reagieren und Handeln in allen Lebensbereichen. Der lebende Organismus unterscheidet nicht, womit er Unheil stiftet und womit nicht. Im Überlebenskampf ist „fressen und gefressen-werden“ die Devise, der Stärkere soll seine Gene fortpflanzen. So funktioniert auch unsere Persönlichkeit im naiven Bewusstseinszustand. Erst der bewusst reflektierende und unterscheidende Geist führt hier möglicherweise eine Ethik ein, die zu anderen Umgangsformen im menschlichen Zusammenleben führt.

Prägungen zurück verfolgen

Um die unheilvollen Tendenzen unserer Persönlichkeitsmuster aufzuspüren und zu beseitigen, müssen wir ihre Wurzeln erforschen, wie auch der Buddhismus vorschlägt. Dort werden als die drei Hauptursachen allen Leids unsere Angst, unsere Gier und unsere Unwissenheit benannt. Es gibt dort auch eine Persönlichkeitstypologie, die auf diesen drei Grundmustern aufgebaut ist. Durch das Bennennen und Erforschen unserer Motivationen, können wir heraus finden, was uns unbewusst antreibt. Im Christentum sind es die sieben Wurzelsünden, die als motivationale Grundlage für alle destruktiven menschlichen Handlungen gelten.

In der Psychologie gehen wir ein bisschen anders vor. Wir versuchen heraus zu finden, aus welcher Not heraus ein bestimmtes Persönlichkeitsmuster geboren wurde. Und wir gehen davon aus, dass die leidvollen Tendenzen verschwinden werden, wenn diese Grundbedürftigkeit und die Konflikte, die damit verbunden sind, befriedet und ausgesöhnt sind. Persönlichkeitsstrategien werden hier als Reaktionsbildungen auf traumatische (verletzende) Lebenserfahrungen betrachtet. Darüber hinaus wird in der Psychotherapie immer mehr in Betracht gezogen, dass es auch kollektive – über die individuelle Biographie hinaus gehende – Prägungen gibt.

Resonanz auf unsere Persönlichkeit

Ein großer Anteil unserer Persönlichkeitsmuster dient uns in unkomplizierter und positiver Weise in unserem täglichen Leben. Sie machen unsere Unverwechselbarkeit und Originalität aus. Menschen, die uns anziehend finden, können sie gut leiden.

Auf unheilvolle Prägungen reagieren andere dagegen häufig genervt oder gekränkt. Sie bilden den Nährboden unserer zwischenmenschlichen Konflikte und Verstrickungen.

Es sind auch die Resonanzen unserer Mitmenschen, in deren Spiegel wir uns in unserem Wandel erkennen können. „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“.  An diesem common-sense ist viel dran. Je mehr sich die Schutz- und Abwehrmechanismen rund um mein Herz öffnen können, desto mehr Güte und Herzlichkeit kommen mir  – auf Augenhöhe – entgegen.

Diejenigen spirituellen Lehrer und Gurus, denen eine große Gefolgschaft andächtig und unterwürfig zu Füßen liegt, haben meist selbst ein ungelöstes Machtthema in ihrer Persönlichkeitsstruktur. Ihr Bedürfnis, andere zu dominieren, zieht Menschen an, die nicht auf ihre inneren Kräfte vertrauen können. Oft haben sie ihre eigene „spirituelle Reise“ ebenso devot in Hingabe an einen Meister begonnen.

Die Persönlichkeit verändern?

Am Anfang meiner Beschäftigung mit Persönlichkeitsstrukturen stand natürlich auch ein Wunsch nach Veränderung. Mit den Jahren bin ich da immer nüchterner und bescheidener geworden:

Da, wo es mir heute gelingt, bewusst innezuhalten, gibt es gelegentlich Ausbruchs-Möglichkeiten aus alten, einengenden Gewohnheiten. Und an den Stellen, wo ein früheres Trauma wirklich geheilt wurde, erzeugt es für mich und für andere keinen Schmerz mehr. Solche Freiheitsgrade sind die Frucht langjähriger Selbstbeobachtung und bewusster Heilarbeit. Das tägliche Leben und meine persönlichen Beziehungen liefern da immer wieder neue Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten.

Die Leichtigkeit des Seins, die Lebensfreude und Lebenslust scheinen auf diesem Wandlungs-Weg allerdings stetig anzuwachsen.

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Nachtrag (30. April. 2011):

Für die Enneagramm-Kundigen unter meinen Lesern und Leserinnen möchte ich meine Erfahrungen mit meinem Enneagramm-Muster in diesem Zusammenhang noch kurz beschreiben.

Die großen Fragen dabei sind für mich: Ist eine grundlegende Veränderung der eigenen Persönlichkeit möglich?  Was bedeutet eigentlich der vielbenutzte Begriff „Erlösung“? Gibt es wirklich so etwas wie eine „metanoia“ (Umkehr) im Zusammenhang mit Persönlichkeitsmustern?

Im letzten Enneagramm-Seminar, das ich gehalten habe, an dem lauter ausgebildete Enneagramm-LehrerInnen teilnahmen, wurde ich mal wieder „umdiagnostiziert“: Man glaubte mir mein Muster DREI nicht mehr, wollte mich in die Schublade „NEUN“ stecken. Besonders meine DREIer-Kolleginnen machten sich sehr dafür stark. Sie erkannten offensichtlich sich selbst in meinen Verhaltensweisen nicht mehr wieder. Nachdem ich seit vielen Jahren unter meinem „Zu-schnell-sein“ leide, fand ich das schmeichelhaft. Ich nehme es als einen Hinweis dafür, dass meine Bemühungen um mehr „Langsamkeit“ allmählich Früchte tragen. Zumindest scheine ich beim Halten von Workshops keine besondere Hektik mehr auszustrahlen.

Für die Menschen, die einen tagtäglichen Umgang mit mir pflegen, hat sich in der Wahrnehmung meiner Persönlichkeitsstruktur allerdings nichts grundlegend geändert. Sie empfinden mich nicht anders. Auch meine Vorliebe für das Ennea-Muster DREI können sie täglich beobachten.

Die Bewusstwerdung führt nach meinem Empfinden zu einer „Kultur der Achtsamkeit“  in allen Lebensbereichen. Damit können wichtige Entscheidungen tiefer begründet werden, sie stehen dann auf einem besseren Fundament. Im zwischenmenschlichen Bereich gibt es deutlich weniger Verletzungen und Verstrickungen.Im Denken wird das Beharren auf Meinungen und die eigene Engstirnigkeit weniger.

Vielleicht könnte ich es dahin gehend zusammen fassen: Das ehemalige „Gefängnis“ meiner Persönlichkeitsstruktur wird nun mit Bewusstsein bewohnt – damit hört es auf, ein Gefängnis zu sein!

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9 Kommentare zu “Die Persönlichkeit im spirituellen Kontext

  1. Du sprichst mir da in Vielem aus der Seele… Ich finde es gut und wichtig, dass so manches immer lauter gesagt wird, eben dass z.B. auch sog. Meister oder Gurus noch keinen Ausweg aus ihrer (oft mangelhaften) Persönlichkeit gefunden haben und auch häufig gar keinen suchen – jedenfalls weiß und hört man nichts davon. Es wird von ihnen viel eher suggeriert, es sei mit Erwachen/Erleuchtung ein Endpunkt erreicht, nach dem man automatisch zum „Gott“ geworden ist und nur noch in Glückseligkeit und Frieden schwebt . Die „Arbeit“ an der Persönlichkeit, das bewusste Hinschauen und sich Hinwenden (wenn schmerzhafte oder verheimlichte Anteile auftauchen) ist z.B. eine Möglichkeit, sich selbst mehr und mehr zu heilen – wie du ja auch am Schluss geschrieben hast. Ich finde es schade, dass so wenige „Erwachte“ zu ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten stehen. Vielleicht liegt das daran, dass das einen Knacks in die alt überkommenen Machtstrukturen zwischen Lehrer und Schüler bringen würde.

    Dir herzliche Grüße,
    gabi

    • „Vielleicht liegt das daran, dass das einen Knacks in die alt überkommenen Machtstrukturen zwischen Lehrer und Schüler bringen würde.“

      Tja, liebe Gabi, wir leben halt auch in einer patriarchalen Leistungsgesellschaft – solche Gesellschaftsstrukturen übertragen sich dann auch auf andere Bereiche.

      Und die Tendenz, dass viele „Schafe“ dem einen „Führer“ hinterherlaufen wollen, gab es in der Geschichte unseres Landes ja auch schon mal!

      Innere und äußere Systeme sind zähe Strukturen. Es kostet viel Mühe und Hinwendung, sie zu „knacken“ bzw. zu „erlösen“. Aber wenn man es nicht tut, dann führen sie ein Eigenleben, das uns im Griff hat.

      Herzlich
      Marianne

  2. „Innere und äußere Systeme sind zähe Strukturen. Es kostet viel Mühe und Hinwendung, sie zu „knacken“ bzw. zu „erlösen“. Aber wenn man es nicht tut, dann führen sie ein Eigenleben, das uns im Griff hat. “
    Sehe ich genauso. Wunderbar! Fühle eine Verwandte in dir und freue mich einfach!“

    Alles Liebe,
    gabi

  3. Liebe Marianne,
    ist es nicht vielmehr so, dass es eine Vielzahl von Persönlichkeitsschichten gibt, die man wie eine Zwiebel schälen kann, bis auch die letzte Haut geöffnet ist und dann …?
    Und was machen wir mit multiplen Persönlichkeiten? Die gab es ja mal als Diagnose über die letzten 30 Jahre galt, dann hat man sie in dissoziative Identitätsstörung (DSM-Code) umgetauft und will sie demnächst nochmals differenzieren?
    Von einem Astrologen hörte ich einmal, dass Mensch seine astrologische Prägung durch „Erleuchtung“ überwinden kann. Der Mensch habe dann sein Horoskop überlebt.
    Und was den Missbrauch der Guru-Täter angeht, die wissen sehr genau, wann sie die rote Linie überschreiten, ansonsten würde sie ihre Opfer nicht durch Drohungen zum Schweigen verpflichten.
    Schönen Abend
    Matthias

    • „Liebe Marianne,
      ist es nicht vielmehr so, dass es eine Vielzahl von Persönlichkeitsschichten gibt, die man wie eine Zwiebel schälen kann, bis auch die letzte Haut geöffnet ist und dann …?“

      Lieber Matthias,

      ich stimme dir zu, was leidvolle und „unheilvolle“ Prägungen angeht. Die sind allesamt reaktiv entstanden und haben sich in vielen Schichten über unseren Wesenskern gelegt. In der Regel lösen wir im Hier und Jetzt immer zunächst die Schicht auf, die wir im Moment gerade als leidvoll oder einengend empfinden.

      Gibt es da ein Ende? Da verbreiten die verschiedenen Religionen verschiedene Vorstellungen.

      Im Buddhismus liegt zumindest die Verheißung, dass es bei der Auflösung leidvoller Verstrickungen bzw. Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen (Karma) ein Ende gibt.

      Ich persönlich ziehe die christliche Denkweise vor, immer und zu jeder Zeit mit dem Auftauchen des „Widersachers“ zu rechnen. Das entspricht auch eher meiner Erfahrung. Wenn sich ein „Knoten“ gelöst hat, dann taucht bestimmt bald der nächte auf.

      „Und was machen wir mit multiplen Persönlichkeiten? Die gab es ja mal als Diagnose über die letzten 30 Jahre galt, dann hat man sie in dissoziative Identitätsstörung (DSM-Code) umgetauft und will sie demnächst nochmals differenzieren?“

      Die „multiple Persönlichkeit“ kann ich auch als eine, reaktiv auf schwere Traumatisierung entstandene Traumastruktur betrachten. Und wenn ich dann zusammen mit jemandem, der davon betroffen ist, genau hinsehe, dann zeigt sich das wieder ganz individuell.

      Für mich dienen psychopathologische Diagnosen bestenfalls als Spiegel, um bestimmte strukturelle Phänomene (gemeinsam mit meinen Klienten) in die Wahrnehmung zu bekommen. Sie sind nur Hilfsmittel des Erkennens.

      „Von einem Astrologen hörte ich einmal, dass Mensch seine astrologische Prägung durch „Erleuchtung“ überwinden kann. Der Mensch habe dann sein Horoskop überlebt.“

      Das halte ich für eine Vollkommenheitsfantasie des Astrologen. 😉

      „Und was den Missbrauch der Guru-Täter angeht, die wissen sehr genau, wann sie die rote Linie überschreiten, ansonsten würde sie ihre Opfer nicht durch Drohungen zum Schweigen verpflichten.“

      Das ist eine Frage, die sicher in der Justiz anders beantwortet wird als in der Psychologie.

      Wenn man es von den Trauma-Strukturen her systemisch betrachtet, gehören Täter und Opfer natürlich immer zusammen. Wenn Trauma-Strukturen wirklich ausgeheilt sind, dann gibt es keinen Täter und kein Opfer mehr. Ohne bewusste Heilarbeit geht das aber nicht und das wollen viele der selbsternannten „Gurus“ leider nicht hören.

      Marianne

  4. Liebe Marianne,

    „Vielleicht könnte ich es dahin gehend zusammen fassen: Das ehemalige „Gefängnis“ meiner Persönlichkeitsstruktur wird nun bewusst bewohnt!“

    Mich faszinieren Bilder, die plötzlich vor dem geistigen Auge auftauchen und eine intuitive Klarheit ausdrücken. Wie dieses hier:

    » Eine Person sitzt in einer vergitterten Gefängniszelle auf einem Stuhl. Die Gefängnistür ist offen. Über der Zelle steht, „Du bist frei“ «.

    Die Person steht für die Unbewusstheit und Abgetrenntheit. Die Gefängnisszelle symbolisiert die Wohnstatt der Vorstellungswelten und die Bindung daran. Der Stuhl steht für das Da-Sein an sich. Die offene Gefängnistür zeigt die immer anwesende Bewusstheit. Die Zellenüberschrift deutet auf das Erwachen aus dem „Traum“ von Gefangenschaft und Befreiung und die Selbsterkenntnis hin. So meine Interpretation dazu.

    Nach meiner Erfahrung geht es letztlich immer wieder darum „wach“ zu sein für die Bewegung, die gerade passiert, und für die Unbewegtheit, in der sie stattfindet. „Wachsein“ müssen wir nicht einmal tun, denn das ist ja bereits. Aber vielleicht „aufwachen“ und aus einer Offenheit heraus schauen, was sich in diesem Moment auftut, weniger aus unseren Mustern heraus reagieren, als sie eher betrachten. Ent-wicklung geschieht von hier aus, im ständigen Wandel von Entstehen und Vergehen.

    Nicht nur, dass die Persönlichkeit so sein darf, wie sie ist, sie kann auch gar nicht anders sein, als sie eben gerade in diesem Augenblick ist. Und ja, sie ist einmalig und hat ihre ureigene Prägung und Ausdrucksform wie alles andere auch. Sie ist nicht getrennt von der Welt und diese ist nicht getrennt vom Ursprung. Sie ist etwas Vorübergehendes, möchte ich fast sagen. Trotzdem brauchen wir nicht festhalten an Verhaltensweisen, die uns nicht gut tun, und auch nicht vor scheinbaren Dämonen flüchten.

    Liebe Grüße
    Brigitte

    • Danke für deine Sprach-Bilder, liebe Brigitte. Ich finde sie sehr schön und passend.

      „Nach meiner Erfahrung geht es letztlich immer wieder darum „wach“ zu sein für die Bewegung, die gerade passiert, und für die Unbewegtheit, in der sie stattfindet.“

      Ja, das finde ich auch, egal ob man das „Wachheit“, „Achtsamkeit“, „mindfulness“, „Gewahrsein“ oder wie auch immer nennt!

      Marianne

  5. Und wieder stelle ich fest, dass dieser Blog eine einzigartige Fundgrube ist für Intelligenz und Klugheit.
    Kleine Frage am Rande: Was sollte eigentlich gut daran sein, das Geburtshoroskop „zu überleben“? Ist die Entwicklung ins eigene originelle So-Sein hinein nicht mindestens ebenso gutzuheissen? Meine Antwort: Jeder Mensch muss für sich herausfinden, was der passende stimmige Weg ist. Der, der unter seiner Prägung leidet, soll sie auflösen. Der, der herausfindet, dass seine Prägung ihm die Freiheit schenkt, soll sie leben. Ich jedenfalls habe erst jetzt, mit knapp 50 Jahren, entdeckt, wie gut es sich anfühlt, endlich ein echter Skorpion zu sein… 😉 .
    Liebe Grüße, Anja

    • Liebe Anja,
      ich habe mir jetzt nochmal meinen ganzen Text durchgelesen und konnte keine Bemerkung über das Geburtshoroskop finden – das hast du offensichtlich woanders her …
      Mir selbst kommt das Radixhoroskop nicht wie eine Persönlichkeitstypologie vor: Es zeigt mir eher Ressourcen und Möglichkeiten auf – auch für mögliche Konflikte.
      Die Potenziale des „Skorpionischen“ weiß ich auch sehr zu schätzen – hab davon selbst einiges zu bieten. 😉
      Liebe Grüße
      Marianne

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