Was mich bewegt …

Maria-Anne Gallen: Gedanken, Erfahrungen, Einsichten

Verletzungsmuster

9 Kommentare

Es gibt kein Ich, das Ich ist eine Illusion – ruft es von allen Dächern, seien sie buddhistisch, advaitisch oder sonst wie. Ja, die Vorstellung, jemand zu sein, ist etwas, was unser Verstand sich selbst vormacht. Der Träumer träumt seinen Traum, solange bis er endlich aufwacht. Aufwachen passiert von ganz alleine.

Und was ist mit den Alpträumen, den ständig wiederkehrenden? Jeder kennt sie und hat sie. Der eine fällt immer wieder von irgendwelchen Erhebungen in Abgründe, der andere erleidet Mord und Totschlag, der dritte wird selbst zum Täter. Wacht man aus denen auch von ganz alleine auf?    

Irgendwann liegen wir schweißgebadet im Bett und merken, dass er da war, unser »Lieblings-Alptraum«. Im Wachzustand können wir ihn dann wieder vergessen, auf die Seite schieben. Bis … er uns das nächste Mal einholt.

Trauma-Strukturen

So ähnlich wie mit den richtigen Alpträumen passiert das auch mit unseren Trauma-Strukturen: Wenn irgendetwas geschieht, was diese Muster aktiviert, ist das wie ein »böses Erwachen« – wir empfinden es immer als unangenehm und schmerzhaft. Oder – unsere Abwehrmechanismen reagieren so automatisch, dass das wiederholende Ereignis schon in der Verdrängung oder Abspaltung landet, bevor es überhaupt wahrgenommen wurde.

Unsere menschliche Psyche funktioniert so, dass sie das Leidvolle immer schnell aus dem Bewusstsein verschwinden lassen will. Ein richtig heftiger Schmerz ist eine Gefahr für die Stabilität des ganzen Systems, er wird möglichst gänzlich verbannt. Die Strukturen, die so entstehen, brennen sich ein – sie sind heutzutage sogar auf der hirnorganischen Ebene nachweisbar.

Wiederholungen

Abgespaltene und damit dem Vergessen anheim gefallene Verletzungen erzeugen Wirkungen im täglichen Leben. Sigmund Freud hat das auch schon bemerkt und nannte dieses Phänomen den »Wiederholungszwang«.  Jeder kennt das aus seinem Beziehungsleben: Wir stolpern immer wieder in die gleichen schmerzhaften und verwickelten Erfahrungen hinein.

Wenn man diese Muster studiert, kann man interessante Beobachtungen machen: Zum Beispiel die, dass unsere Abwehrstrategien meist genau so funktionieren, dass sie den alten Schmerz wieder neu aufleben lassen –  und dann wehren sie ihn wieder ab. Ein »perpetuum mobile«, Endlos-Schleifen, wenn sie nicht durch Bewusstheit unterbrochen werden.

Bewusst-Werdung

In Zeiten von inneren Umbrüchen funktionieren Abspaltungs- und Verdrängungsmechanismen wesentlich schlechter als in stabileren Phasen. Da wird die Krise zur Chance: Der alte Schmerz taucht auf, kommt an die Oberfläche und hat die Chance, »geheilt« zu werden.

Systemisch betrachtet, findet die »Heilung« dann statt, wenn sich die Trauma-Struktur wandeln darf. Dazu ist es wichtig – wie immer bei der systemischen Erforschung – zu erkennen, was sie aufrecht erhält. »Wie hält sich das Verletzungsmuster selbst in der Balance?« –  ist die entscheidende Frage.

In der buddhistischen Psychologie und den Achtsamkeitslehren ist das der Schritt, der »investigation“ genannt wird: »Wenn wir irgendwo feststecken, dann liegt das meist daran, dass wir die Natur unserer Erfahrung nicht gründlich genug erforscht haben«, schreibt Jack Kornfield dazu (in »das weise Herz«).

Psychische Abwehrstrategien beinhalten ein großes Potenzial des »Steckenbleibens« möchte ich anfügen, weil sie ja so konstruiert sind, dass sie chronisch etwas aus unserer Selbstwahrnehmung verbannen.

Der blinde Fleck im Verletzungsmuster

In allen Trauma-Strukturen entsteht der blinde Fleck durch das Ausblenden des Schmerzes – er soll ja nicht mehr gefühlt werden, um das innere Gleichgewicht zu erhalten. Die ursprüngliche Not, die dem Verletzungsmuster (karmisch) zu Grunde liegt, kann so nicht mehr wahrgenommen werden. Erst wenn sie wieder im Bewusstsein auftaucht, wird Wandlung möglich.

Um das zu erkennen, was unterhalb unserer eingefleischten Reaktionsmuster liegt, braucht es ein mitfühlendes Herz, das die Abwehrmuster nicht für wahr nimmt, mögen sie auch noch so mächtig erscheinen. Eine liebevolle Selbst-Zuwendung schafft günstige Bedingungen für die Wandlung.

Konzepte, die den Schmerz vermeiden

Alle spirituellen Lehren und Konzepte, die das Thema »Schmerz« vermeiden, haben auf ihre Anhänger die gleiche Wirkung wie unsere Trauma-Strukturen: Sie sorgen dafür, dass psychische Schmerzmuster fortgesetzt werden und neue Verletzungen erzeugen. Somit halten sie einen Leid-Kreislauf in Bewegung.

Sehr erfrischend empfinde ich in diesem Zusammenhang ein Gedicht von Ingeborg Pacher, das sie »Die unter dem Regenbogen« betitelte:

Die unter dem Regenbogen
sammeln auch Steine.
Sie nageln Fragen an die Wand der Tage.
Sie fallen einsam in die Nacht
und falten im Dunkel die Seele.

Die unter dem Regenbogen
trinken auch Bitterwein.
Sie eggen Tränen vom Feld des Schmerzes.
Sie gleiten einsam in den Wind
und kämmen im Dämmer das Leid.

Doch sie wissen den Weg,
die unter dem Regenbogen.
Und in ihre Dunkelheit
stürzen bunte Träume.

Ingeborg Pacher

 

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9 Kommentare zu “Verletzungsmuster

  1. Liebe Marianne,

    nun bin ich aber platt. Da gibst du das in Reinform wieder, was ich mal wieder so „für mich hin“ dachte… – und witzigerweise gerade zu einem Thema passt, das in meinem Forum angesprochen wurde. Wir sind halt eins… wie schön, mit dir bin ich das besonders gerne! ♥

    gabi

  2. Liebe Marianne,

    klar, es gibt kein Ich, ist doch logisch! Nur die Psyche ist nicht logisch, sondern seltsam. Also ist es da, das Ich, auch beim Erleuchteten – gerade darum, weil es bei ihm logischerweise nicht da sein sollte. Nur, auch der Erleuchtete besitzt eine Psyche, und damit auch seine ureigenen Seltsamkeiten. Doch das spielt alles keine Rolle. Denn eine Psychologie der Erleuchtung wäre, da nicht normativ, ohnehin für die Katz.

    Bleiben wir darum auf dem Boden der gesunden Abweichungen und schrägen Konditionierungen. Sie beschweren und kümmern die Psyche. Werden sie jedoch erkannt, verblassen sie im Licht der Erkenntnis. Es kann ein rasanter aber auch ein allmählicher Prozess sein. Das zwingende an diesem Geschehen ist, dass es sich um eine Befreiung handelt. Es fällt etwas bindendes weg, doch es kommt nichts zum Ersatz hinzu. Dies ist das Wesen der Freiheit. Es ist zugleich das Beängstigende an ihr. Etwas stirbt ersatzlos. Es ist eine kleine Begegnung mit dem Tod. Das Gewohnte, mit dem man sich arrangierte, ersatzlos aufzugeben, ist ein Sterben. Aus diesem Grund pflegen so viele lieber ihre kleinen Marotten, als sie infrage zu stellen. Denn sie sind ihnen lieb und Teil ihrer selbst geworden; ohne sie wähnten sie sich weniger als zuvor. – Es bleibt dabei völlig unerheblich, dass dem nicht so wäre, dass Befreiung vielmehr Bereicherung wäre und die entstehende Leere zur Fülle würde. Dagegen beherrscht uns der Unwille, uns nicht selbst befremden zu wollen; denn der Gewandelte ist nicht mehr derselbe.

    Soweit so „normal“. Doch was geschieht, wenn eine traumatische Struktur aufbricht (Diagnose: Posttraumatisches Belastungssyndrom PTBS)? Ein Flashback oder ein Trigger werden häufig zum drängenden Signal, sich verdeckter Verletzungen wieder anzunehmen, alte Wunden endlich zu heilen. In diesem Augenblick steht man stets im Zwiespalt, die Wunde wieder zu verkleistern oder sie aktiv zu behandeln. Es ist zugleich ein Moment der Orientierungslosigkeit, denn man erlebt perzeptiv, dass das Ich viel tiefgründiger ist, als es sich selbst erlebte; schließlich negierte es bislang den Schmerz, der es nunmehr erschüttert. Es sind überwiegend unreflektierte Prozesse, die die komplette Seinsvorstellung eines Menschen in Frage stellen. Wegen seiner Wucht wird ein solcher Ablauf häufig als ein exogenes Geschehen erlebt, obgleich es ein endogenes Ereignis ist. Selbst der Trigger ist ein innerer Prozess. Der äußere Impuls bliebe ohne die bestehende innere Struktur wirkungslos.

    Die Negation des Ichs, ist hierbei keine Lösung. Manch einer spaltet sein Ich in solchen Krisen sogar vielfältig auf und erledigt die Traumatisierung gewissermaßen durch verschiedene Charaktere auf multiplen Ebenen. Andere verlieren ihr Zentrum, indem es unter der Wucht der traumatischen Implosion restlos zersplitterte und sich ihr Ich fortan frei und vorübergehend um Notwendigkeiten formiert, um sich danach wieder aufzulösen. Doch gleichwohl wie sehr die verletzte Psyche auch dissoziiert, das Ich bleibt erhalten.

    Im Grunde ist es nur eine Frage, wie weit ein Ich sich selbst entbindet. Hierdurch entsteht womöglich die Freiheit, die es benötigt, um zu heilen. Ein heiles Ich ist ein offenes Ich, das das Risiko beständiger Wandlung nicht mehr fürchtet. Das keine Angst mehr davor hat, sich zu verlieren, weil es kein Selbst mehr konstruiert, das sich schlichtweg verlieren könnte. Selbstlosigkeit im wahren Sinn des Wortes wäre die heilsame Wahrnehmung. Ein solches Ich würde seine Psyche transzendieren und sich seiner Seele verantworten. Es wäre ein furchtloses Ich.

    Servus Dein Matthias

    • Lieber Matthias,

      ich finde das sehr schön beschrieben.

      Der letzte Satz kommt mir wahr vor: „Es wäre ein furchtloses Ich.“ Trauma und Angst hängen zutiefst zusammen.

      Gruß

      Marianne

    • So wahr, könnte man sich übers Bett hängen… 🙂

      danke Matthias!!!

      Grüße von gabi

    • Ich bin etwas verwirrt. anfang und ende dieses Kommentars widersprechen sich: Am Anfang heißt es „es gibt kein ICH“ am ende: „Es gibt ein furchtloses ICH“ Den letzten absatz unterschreibe ich. Aber den Anfang des Textes nicht.
      …Und vor allem, wie steht der im Bezug zur anfänglichen Aussage: „es gibt KEIN ich“?

      Transzendez des Individuums bedeutet für mich nicht seine Auflösung, sondern das dem des „Licht seins“. Das was ich bin in die welt zu „strahlen“/transzendieren.

      Der Mensch hat von Natur diese transzendent altruistische Eigenschaft angeboren. Man beobachte nur einmal kleine Kinder genau die sich instinktiv um andere sorgen. Erst indem wir es ihnen austreiben werden sie zum EGOisten, da irgendwann der Bruch passiert wo sie merken, daß den eigenen Prinzipen zu folgen nur zu Widerstand und Schmerzen führt.
      Wodurch viele an einem Punkt ihres Lebens ihre eigentliche Identität aufgeben, weil sie lernen daß man durch Gehorsam und Unterwerfung unter das Systems es angenehmer hat. So werden Menschen zu Sklaven des Systems erzogen die ihre spirituelle Identität leugnen.

      Doch um Spiritualität zu finden muß man sich nicht auflösen, man muß sich nur wieder finden.

  3. Ich finde auch der buddhismus macht da unbewußt ebenfalls eine abspaltung indem er glaubt ein ICH sei die wurzel des übels und betreibt damit selbst die Verdränngung die er bei anderen nichterleuchteten als ursache für deren ICH konzentriertheit sieht.

    Was für ein Sinn hätte es denn dann das Individuen entstehen wollen, in diese Welt hineingeboren werden wollen um sich dann selbst wieder aufzulösen? das wäre wie wenn ich meinen arm abhacken würde weil ich glaube er gehört nicht zu mir…
    Doch passiert nicht eine selbstauflösung ganz automatisch durch den Tod? (mal rein materiell betrachtet) warum kommt denn sonst eine Seele in diese Welt, wenn ihr Ziel das NICHT-Sein wäre?

    Das wäre ein Widerspruch zum Lebenswillen an sich. Auch ein widerspruch des eigenen Heilsbestrebens der Seele, die ja auch um ihr Wohlergehen willen darum besorgt ist.

    Ich sehe die Identität als wichtiger Baustein zum Menschsein. Die Welt ist doch nicht deswegen krank, weil die Menschen sich zu ihrer Identität bekennen, sondern weil sie sich NICHT zu ihrer Identität bekennen.

    Schon von Kind an wurden wir verdorben und in ein Korsett des funktionierens gepresst, um zu funktionieren aber nicht um zu SEIN. unser eigenes ICH liegt nur tief darunter vergraben, das was wir heute als EGO und mißverstandener weise als ICH sehen sind nicht wir selbst. Sondern wir sind das, das unter dem materiellen müll das wir seit Kind an eingehämmert bekommen haben begraben liegt – Das göttliche licht in uns selbst.

    Die Menschheit ist hauptsächlich deswegen verdorben weil sie dazu gedrillt wurde einer Ideologie zu entsprechen und sich damit genauso zu verleugnen, anstatt zu erkennen: „Wer bin Ich?“ Hier ein Extrembeispiel: http://www.youtube.com/watch?v=1tmeRwhVwXI

    Mathäus 18:“3und sprach: Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. 4Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. 5Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf. 6Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft werde im Meer, da es am tiefsten ist.“

    • Hallo Systemtheoretiker(in),

      ja, der Weg zurück zum eigenen Wesenskern hat viel mit kindlicher Ursprünglichkeit zu tun, das finde ich auch: Wieder der/die zu werden, wie wir von der Schöpfung „gemeint“ sind. Graf Dürckheim nannte das die „Neugeburt aus dem Wesen“ – ein schöner Ausdruck, finde ich.

      Mit herzlichem Gruß

      Marianne

      • verfolgt man aktuelle Studien der Hirnforschung so hat dies bereits sogar den Segen der Wissenschaft bekommen:

        Diese Erkenntnisse sind in allen nichtmaterialistischen Religionen irgendwie schoneimal aufgekommen. Ob Christentum, Buddhismus oder Hinduismus…
        Wenn man an die Existenz morphogenetischer Felder glaubt die es erlauben unabhängig voneinander zu den selben Ergebnissen zu kommen. Weil die Zeit einfach für diese Entwicklung reif war.
        Auch bei technischen Entwicklungen ist es sehr oft so, daß diese gleichzeitig und unabhängig voneinander passieren.
        Ich behaupte sogar: jede große Erfindung ist ein Werk göttlicher Eingebung und nicht menschlicher Überlegungen. Die Menschen kamen nicht selbst drauf, es flog ihnen zu, weil sie für diesen Geist offen waren.

        Der Mensch ist ein spirituelles Radio. Wenn er auf die richtige Frequenz eingestellt ist empfängt er die göttlichen Inspirationen.
        Dafür muß man aber wieder lernen sich nach allen Seiten zu öffnen wie ein Kind und wieder die Freude und Begeisterung am Entdecken lernen…

  4. Pingback: Sich selbst entbinden – Sehen, was ist.

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