Was mich bewegt …

Maria-Anne Gallen: Gedanken, Erfahrungen, Einsichten

Die Persönlichkeit wandeln

2 Kommentare


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Ich habe mich oft gefragt, wann eigentlich bei mir das bewusste »spirituelle Erwachen« begonnen hat. 1987 scheint mir dafür zumindestens ein Meilenstein gelegt worden zu sein – kurz vor meinem 30.ten Geburtstag: In diesem Jahr besuchte ich im Rahmen meiner Focusing-Therapie-Ausbildung den Block »Körperarbeit« und wurde hier zum ersten Mal auf hautnahe und praktische Weise mit dem Thema »Charakterstrukturen« vertraut gemacht.

Kein psychologisches Konzept hat mich je so in Bann gezogen wie die Vorstellung, dass wir zutiefst verschiedene Individuen sind, deren Festlegungen und Prägungen man bis in die letzte Zelle unserer körperlichen Existenz hinein wahrnehmen und beobachten kann. Mein schon immer vorhandener Drang, das Mensch-Sein in allen Facetten ergründen zu wollen, hatte ein neues Forschungsfeld entdeckt – mit ungeahnten Tiefen und Möglichkeiten.                  

Charakterstudien

Von dieser Zeit an betrieb ich unermüdliche »Charakterstudien«, bei mir und bei anderen, in Workshops und Therapien und vor allem in meinem Alltagsleben. Als Landkarten dienten zunächst die Reich’ianischen Modelle, später hauptsächlich das Enneagramm.

Rund um meinen Schlafplatz stapelten sich die Bücher, die mir dabei halfen, das tagsüber Erlebte, einzuorden und zu sortieren und mich im weiten Gelände der menschlichen Verschiedenheiten zu orientieren.

Meine Selbsteinschätzung veränderte sich dabei öfter: Ich erkannte »rigide« und »zwanghafte« Charakterzüge bei mir, »hysterische« Ausprägungen schienen mir auch nicht ganz ungewohnt. Andere Persönlichkeitsmerkmale wiederum fühlten sich äußerst fremd an, wie zum Beispiel »schizoide« oder »borderlinige« Verhaltens- und Erlebensweisen.

In dieser Zeit reifte in mir ein großer Respekt vor der Besonderheit und dem Anders-Sein menschlicher Innenwelten und ich entwickelte viel mehr Verständnis und Toleranz für fremdartige Muster und Verhaltensweisen. Besonders die unterschiedlichen Motivationen und Beweg-Gründe der Menschen, aus denen vieles Unverständliche erklärbar wurde, rückten in den Mittelpunkt meiner Wahrnehmung.

Der Zusammen- und Durchbruch

1993 schrieb ich gemeinsam mit einem Kollegen ein Enneagramm-Buch. Meine Aufgabe war dabei, die 9 »Ennea-Typen« aus meinem Einfühlungsvermögen für ihre Innenwelt heraus, möglichst präzise in ihrem Beziehungserleben und -verhalten zu beschreiben. Jedes freie Wochenende, wenn mein Partner Zeit hatte, auf die Kinder aufzupassen, tauchte ich in eine dieser »neun Welten« ein und ab. Ich lebte darin – für meine Familie war ich in diesen Phasen nicht mehr ansprechbar – und schrieb auf, was ich verstanden hatte.

Als der Buchtext am Ende dieses Jahres fertig redigiert war, war ich auch am Ende: Ich fühlte mich erschöpft, meine Kräfte hatten mich verlassen, der Rücken schmerzte. Ich ging zu einem Körpertherapeuten, um mich wieder fit machen zu lassen. Als er mich fragte, warum ich hier sei, war meine spontane Antwort, dass es an der Zeit sei, mich auf meine spirituellen Kräfte zu besinnen. Was mir mit dieser Entscheidung blühen würde, ahnte ich damals nicht.

Nach drei Sitzungen bei ihm war mein altes System zusammen gebrochen. Ich konnte nur noch die »Reise ins Nichts« antreten. Nachdem ich dazu innerlich eingewilligt und losgelassen hatte, geschah sie, ganz von alleine: 3 Wochen hochenergetischer Ausnahmezustand, der in eine mehrtägige Leerheitserfahrung mündete. Nachdem mein innerer Zeuge in dieser Zeit einen aufsteigenden Prozess anhand der mir bekannten Landkarte der 7 Chakren beobachten konnte und permanent ein »inneres Feuer« in mir zu brennen schien, deutete ich diese Erfahrung irgendwann als »spontanes Kundalini-Erwachen«.

Leben ohne Ich und Selbst

Das intensive erlebensmäßige Eintauchen in die verschiedensten Varianten von Ich-Illusionen während des Buch-Schreibeprozesses, schien die Festigkeit meiner damaligen Persönlichkeitsstrukturen ziemlich ins Wanken gebracht zu haben – am Ende wusste ich nicht mehr, wer ich bin bzw. erkannte, dass jede fest geglaubte Identität nur ein Vorstellungskonstrukt, also selbst-erfunden ist. Hinter diese Erkenntnis gab es kein zurück mehr.

Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, die solche Erfahrungen machen, konnte ich darüber jedoch nicht jubeln und euphorisch sein. Mein Alltagsleben wurde dadurch schwer und mühsam. Das, was früher Halt und Sicherheit bot, bröckelte nach und nach weg – innen wie außen. »Vorübergehender Verlust der Welt-Fähigkeit«, war eine treffende Beschreibung dieses Zustandes, die ich in den Schriften von Karlfried Graf Dürckheim fand – ein kleiner, aber schwacher Trost für den als schmerzhaft erlebten Verlust meiner Leistungsfähigkeit.

Dass ich nun ein anderer Mensch sei, glaubte ich nicht. Mit meiner nüchternen Beobachtungsgabe stellte ich täglich fest, dass sich die eingefleischten Strukturen meiner Charakterprägungen keinen Millimeter von der Stelle bewegt hatten.

Durch die zunehmende Fähigkeit, einen Raum unmittelbaren Gewahrseins innerlich aufzusuchen und mich dort zu zentrieren, schienen sich jedoch neue Möglichkeiten der Wandlung zu eröffnen. Die Idee der Des-Identifikation war geboren. In den ersten Jahren glaubte ich dabei noch an das »Loswerden« meiner früheren Persönlichkeit.

Der »innere Zeuge«, Zentrierung, Erdung und Präsenz

Der Zusammenbruch meiner alten Strukturen hatte mich sehr früh, ungewollt und unerwartet getroffen, das war nicht leicht. Der verlässliche »innere Boden« war nicht da, der einen neuen Halt bieten konnte. Mir fehlte zu diesem Zeitpunkt auch die tägliche spirituelle Praxis. Als dringende Notwendigkeit hielt sie ab da Einzug in mein Leben.

Ich griff zunächst auf das zurück, was ich schon kannte und anwenden konnte, die achtsame Selbstbeobachtung, die ich im Focusing jahrelang eingeübt hatte. Sie gab mir Sicherheit im Umgang mit den Bewusstseins-»Inhalten«, die ständig neu und andersartig in meinem Erleben auftauchten. Focusing half mir dabei, immer wieder den Standpunkt des »inneren Zeugens« zu finden, der weniger mit den Bewusstseinsinhalten identifiziert war. Gelegentlich schien mein Geist auch in ein völlig neutrales »reines Zeugenbewusstsein« einzutauchen. Durch meditative Übungen konnte ich mich zeitweise lange in diesen Bewussseinssphären aufhalten.

Darüberhinaus ging ich viel in die Natur, übte körperliche Zentrierung und achtsame Präsenz ein, in allen Dingen des täglichen Lebens.

Das Auflösen von Mustern

Ein nicht-endenwollender Reinigungs- und Heilungsprozess schien dann irgendwann einzusetzen, ein Selbstläufer. Er gab mir nur die Wahl, mit ihm zu kooperieren oder mich gegen ihn zu stellen, was schmerzhaft war. Manchmal hatte ich das Gefühl, etwas dabei zu tun, manchmal geschahen die Dinge einfach nur. Im Außen und im Innen.

Im Entwicklungspsychologiebuch von Robert Kegan steht sinngemäß Folgendes: Zum ersten Mal in der menschlichen Entwicklung ist eine Ich-Konstruktion in Gefahr, die sich selbst und ihrer Um-Formung bewusst ist.

Das Ich-Erleben ändert sich im Laufe des menschlichen Lebens einige Male. Das Auseinanderbrechen des »institutionellen Ich-Gefüges« (Kegan) hat die Besonderheit, dass ständig ein Beobachter daneben steht, der alles mitbekommt. Ob dieser sich eher als aktiv oder als passiv in dieser Entwicklung erlebt, scheint mir wiederum auf Persönlichkeitsunterschieden zu beruhen.

Bewusst aufgelöst haben sich vor allem Ego-Motivationen (in den ersten Jahren) und Trauma-Strukturen im späteren Verlauf des Prozesses. Dabei ist sind die zugehörigen Erlebensinhalte alle im Bewusstsein aufgetaucht, haben sich oft in äußeren Ereignissen widergespiegelt und sind dann irgendwann wieder verschwunden. Zuletzt waren es eher kollektive bzw. systemische Strukturen, die meinem „inneren Beobachter“ in ihrer Wandelbarkeit auffielen.

Aussteigen aus dem System

Das Aussteigen aus diesen Systemen, die vollständige Des-Identifikation von allen leidbringenden Strukturen schien mir das Ziel dieser Reise zu sein. Im Buddhismus gilt das als »Meisterschaft«, Samsara, das ewige Leid-Hamsterad verlassen zu können. Ich persönlich halte die Vorstellung einer »vollkommenen Erleuchtung« mittlerweile für eine Utopie, die man besser nicht allzu wörtlich nehmen sollte, um nicht neuerliche Illusionen zu nähren. Allerdings scheint es schon ein Ende der jahrelangen Reinigungsprozesse zu geben.

Manche glauben, einen vollendeten Geisteszustand in der Verwirklichung ihres non-dualen Bewusstseins erreicht zu haben und merken nicht, wie sie dabei in disssoziativen Abspaltungen (aufgrund von Trauma-Strukturen) gefangen sind. Sie agieren an ihren Mitmenschen unbemerkt eigene Verletzungsmuster aus, während sie sich im erleuchteten Bewusstsein wähnen. Andere erkennen die angestrebte Vollkommenheit in irgendeinem weltlichen Guru und meinen, sie könnten ihre Selbstverantwortung an diesen abgeben.

Wenn sich wirklich Heilung ereignet hat, können wir bestimmte belastende Strukturen endgültig hinter uns lassen, davon bin ich überzeugt. Die Narben, die zurückbleiben, gehören zum Mensch-Sein dazu. Das  Leben in Raum und Zeit hinterlässt seine Spuren.

Auch aus unserer Zeitgeist-Verwurzelung und der  gesellschaftlichen Kultur, die uns umgibt, gibt es meiner Ansicht nach kein wirkliches Entrinnen. Das sind temporäre Einwirkungen auf unser Bewusstsein, die nach wie vor eine prägende Wirkung haben. So erkläre ich mir zum Beispiel, warum viele weisen buddhistischen Lehrer immer noch stark patriarchale Strukturen verkörpern.

Neben religiösen Lehren gibt es jedoch in der heutigen Zeit auch im weltlichen Bereich allerlei Konzepte, die ein Bewusstsein über solche Entwicklungsmöglichkeiten den Menschen nahe bringen, das macht mir Hoffnung. Ich möchte hier nur die systemtheoretischen Ansätze und die verschiedenen Achtsamkeits-Praktiken nennen, die sogar im medizinischen Feld Einzug gehalten haben.

Mit der eigenen Persönlichkeit spielerisch umgehen

Aus der Perspektive des zentrierten »inneren Zeugen« ist die Persönlichkeit ein nützliches Instrument, das die verschiedensten Facetten hat. Im Spiel mit unseren Identitäten können wir bewusst die Anteile oder Teilpersönlichkeiten nach außen kehren, die gerade gebraucht werden. Sie tauchen dann im Alltagsbewusstsein einfach auf.

Als »männlich« angesehene Attribute, wie Durchsetzungs- und Leistungsvermögen stehen ebenso zur Verfügung wie die weibliche »Fürsorgerin und Beziehungsstifterin«. Komplett wird die »innere Familie« durch die Lebensfreude und Unbeschwertheit der vom Leid befreiten Kind-Anteile.

Bunt eingefärbt wird das alles von der individuellen Temperaments-Note, die unsere unverwechselbare Originalität als Mensch ausmacht.

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2 Kommentare zu “Die Persönlichkeit wandeln

  1. So meinen wir:

    Es gibt ein spirituelles Heilsein. Hingegen bleibt die Psyche – das Gemüt – unheil; sie ist notwendigerweise fragmentarisch.

    Spirituelles Heilsein ist Wahrnehmung per se. Es interagiert nicht mit der Person. Vielmehr bleibt es für die Person intuitiv.

    Eine Annäherung von spirituellem Heilsein und Person – Personenanteilen – gleicht einem Genesungsprozess; der allerdings niemals abgeschlossen sein wird. Das „Leid“ daran ist Antrieb wie Lebensfreude, doch ebenso eine Einladung in die Stille. Vollkommen ist das Unvollkommene.

    Der Tag in mir denkt manchmal: Ich bin zwar viele, doch ich habe den Haufen ganz gut im Griff!

    Deutlich Dein Satz: „Manche glauben, einen vollendeten Geisteszustand in der Verwirklichung ihres non-dualen Bewusstseins erreicht zu haben und merken nicht, wie sie dabei in dissoziativen Abspaltungen (aufgrund von Trauma-Strukturen) gefangen sind

    Danke Dir.

    Angesagt: Ende der Regenzeit!

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