Was mich bewegt …

Maria-Anne Gallen: Gedanken, Erfahrungen, Einsichten

Die kindliche Seele

38 Kommentare


Dem bekannten Psychoanalytiker C.G. Jung haben wir die Entdeckung und Beschreibung der so genannten »Archetypen« zu verdanken. Er meint damit Urbilder in unserer menschlichen Vorstellungsfähigkeit, die kulturübergreifend zu beobachten sind und kollektive Menschheitserfahrungen widerspiegeln. Die Anzahl solcher Symbole im  »kollektiven Unbewussten« der Menschheit ist begrenzt. Jedem davon kommt eine besondere Bedeutung zu.

Einen dieser Archetypen nannte Jung das »göttliche Kind«. Es steht für den Teil unserer Seele, der Unschuld, Vitalität, Ganzheit, Lebensfreude und Verspieltheit repräsentiert.

Jenseits unserer Verletzungen

Viele denken gleich an ihre erlittenen Verletzungen, wenn vom »inneren Kind« gesprochen wird. Dieses »Kind« ist hier aber genau nicht gemeint. Im Gegenteil: Unsere kindlichen Nöte erzeugen Reaktionsweisen und Abwehrmuster, die den unverletzten und vitalen Wesenskern in ein »Schattendasein« drängen. Das gesunde und lebendige Kind, das eigentlich in uns wohnt, wird so zu einer Art »Kellerkind« – es haust unerkannt und abgeschoben im hintersten und verstecktesten Winkel unserer Seele.

Im Schamanismus werden solche Anteile die »verlorenen Seelenanteile« genannt und der Schamane geht auf Reisen, um sie in den »Anderswelten« aufzuspüren und dem, der sie vermisst, zurück zu bringen. Heilung im psychotherapeutischen Sinn ist auch immer eine Rückkehr hinter unsere Verletzungsmuster, dorthin wo unsere Not-Lösungs-Strategien ihren Ursprung haben.

A.H. Almaas und seine Schülerin Sandra Maitri bezeichnen diesen essenziellen Aspekt unseres menschlichen Seins als das »Seelenkind«. Sie lehren, dass es im Transformationsprozess einer der problematischsten psychischen Anteile ist und wir nicht ganz und heil werden können, ohne ihn zu befreien. Im Enneagramm nennen sie ihn auch den »Herzpunkt« (= Trostpunkt).

Das ungezogene Kind

Den Befreiungsprozess kann man sich etwa so vorstellen, wie wenn ein »Kaspar-Hauser«-Wesen, das jahrelang kein Tageslicht gesehen hat, aus seinem Kellergefängnis geholt wird: Es ist unkultiviert und muss sich erst an die Helligkeit gewöhnen. Gesellschaftliche Anpassungsleistungen sind ihm fremd und zivilisatorische Gepflogenheiten wird es erst lernen. Andererseits ist es unverbogen, wild und natürlich.

Im Sprachgebrauch meiner Kindergartenzeit handelt es sich hier um ein richtig »ungezogenes Kind«: Es drängelt und schubst, lässt seinen Gefühlen freien Lauf, macht was es will. Meist sind es Anteile, die in der eigenen Ursprungsfamilie gar nicht erwünscht waren, die da nun zum Vorschein kommen.

Unsere erwachsenen »Spielkameraden« finden es oft gar nicht witzig, wenn da plötzlich so eine neue, ungehobelte Seite in uns zum Leben erwacht. Sie erkennen sie zunächst als »Schattenaspekt« und wehren sie ab.Willkommen heißen können sie die schon gar nicht.

Die Integration des verlorenen Seelenanteils

Derjenige, der so eine »innere Neugeburt« erlebt, spürt jedoch, dass hier etwas Wesentliches geschieht. Der kindliche Seelenanteil ist ihm näher und vertrauter als alle Rollenspiele und Persönlichkeitsmuster, die ihn unten gehalten haben. Einmal damit in Berührung gekommen, wollen wir ihn nicht mehr (ganz) in den Keller zurück schicken.

Es braucht allerdings einiges an Entwicklung und »Nach-Reifen«, damit die Wesens-Aspekte unseres göttlichen Kinds nach außen hin Früchte tragen. Sie wollen erkannt, gespiegelt und liebevoll integriert werden, damit sie ihren Platz in der vorderen Reihe unserer persönlichen Identität einnehmen können. Nach mehreren Jahren des Wachstums entsteht so allerdings immer mehr das Erleben, »ich-selbst« geworden zu sein.

Vitalität und Lebensfreude

Auf eine feste Form lassen sich unsere archetypischen kindlichen Anteile nicht festlegen. Dafür sind sie nicht geschaffen. Deshalb ist es auch keine sinnvolle Vorstellung, in der Enneagramm- (oder einer anderen) Typologie dieser Wesensaspekt »werden« zu wollen.

Seine Qualitäten sind jedoch in reifen und weisen Menschen meist gut erkennbar: Allen voran eine spürbare Lebendigkeit und eine freudige Ausstrahlung. Menschen mit gut integriertem »Seelenkind«, wissen zutiefst und vermitteln uns allen, dass das Leben ein großes Spiel ist.

Geburt im Stall

Vergessen wir nicht: Das göttliche Kind wird – kaum bemerkt – im abgelegenen Stall geboren. Das ist ein Ort, wo es nicht gut riecht und auch nicht besonders ordentlich und sauber ist. Solche Plätze sind ein besonderer Nährboden für Neues und »innere Befreiung«.

Frohe Weihnachten!

***

Das göttliche Kind finden,

das befreit von den Allmachtsfantasien

und der Angst,

immer stark sein zu müssen.

Das göttliche Kind finden,

das uns erlöst von dem Druck,

sich dauernd beweisen zu müssen.

Das göttliche Kind finden

das heilt, was verwundet ist

und bewirkt,

dass Verletzte heilend wirken können.

Das göttliche Kind finden,

das von der Ewigkeit erzählt,

die im Hier und Jetzt erfahrbar ist.

Das göttliche Kind finden,

in meinem Seelengrund,

in der Tiefe eines jeden Menschen.

Pierre Stutz

***

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38 Kommentare zu “Die kindliche Seele

  1. ganz wunderbarer Artikel, liebe Marianne. Danke dir ♥

  2. Hoppla! da hat sich der Clown aber verirrt.
    Archetypisch für ihn!

  3. Pingback: Schreibkunst – Weihnachten, die Familie

  4. Sehr schöner Text über das innere Kind!
    🙂
    Wolf

  5. Auch wenn das noch mein Weihnachtsbeitrag ist, möchte ich allen hier Lesenden einen „guten Rutsch“ wünschen.

    Auf ein Neues
    Marianne

    1

    • Liebe Marianne, fast habe ich vergessen auch Dir ein illusionsreiches 2012 zu wünschen!

      Prosit
      Ernie

      • Lieber Ernie,

        danke für Deine Wünsche.

        Die irreführendste Illusion scheint mir die Vorstellung zu sein, dass es im Leben irgendeine Bedeutung hat, ob nun ein Ich vorhanden ist oder nicht.

        Selbstverständlich ist es weder-noch bzw. sowohl-als auch.

        2012 wird ein lebendiges Jahr … zumindest hat es schon so begonnen.

        Ich grüße Dich 🙂

        Marianne

  6. Ja, wenn es kein ich gibt, dann bin ich ja alles…auch die Illusionen (Welt) und darum darf alles so sein wie es ist auch die machtgeilen, korrupten Politiker, Manager, Banker, etc. …

    LG
    Ernie

    • Da ist irgendetwas schief gelaufen mit dem Namen! Kannst du bitte eine Korrektur anbringen?

      Herzlichen Dank für Deine Bemühungen.

      Ernie

      • Lieber Ernie,

        ich bin Deinem Wunsch nachgekommen … Aber eigentlich bin ich nicht der Typ, der andere dabei unterstützt, ihre „wahre Größe“ hinter Sesamstraßen-Pseudonymen zu verstecken. 😉

        Herzlich
        Marianne

      • Danke, liebe Marianne

        Aber was würden all die Leute denken (die glauben mich zu kennen…), wenn sie sehen würden, wer sich hinter dem Pseudonymen Ernie versteckt: Ein Verückter, ein Spinner?

      • … ach ja, die anderen leute …. 😉

        konstruktivistisch ist das ganz einfach: die bilder in deren köpfen haben sowieso nicht wirklich etwas mit mir zu tun – es sind ihre eigenen er-scheinungen. dann ist es doch eigentlich egal, ob wir es ernie, bert, oder sonstwie nennen, was wir erkennen, oder nicht?

      • Es ist sogar noch schlimmer: Es gib nur Dich…

    • In Deiner Bewusstseinswelt gibt es nur Dich, Ernie? Verstehe ich das richtig?
      Ja, das ist wirklich schlimm … Das Leben ist so viel bunter, wenn da noch andere sind. 🙂

      • Ja, es gibt keine andere…also keine objektive Welt auch bezogen auf Ernie… 😉

        In der Psychologie gilt doch der Grundsatz: Alles was Du in der Aussenwelt wahrnimmst, ist der Spiegel Deines Bewusstseins in diesem Augenblick, oder?

      • Ja, natürlich.

        Das ist eine Aussage über unsere (begrenzten, eingeschränkten und subjektiven) Erkenntnismöglichkeiten.

        Aber das heißt doch noch lange nicht, das es keine Außenwelt gibt. Wir können es nur nicht wissen und auch nicht erkennen, also nicht objektivieren.

        Das sind doch alles nur Erkenntnisse darüber, wie unser Bewusstsein und unsere Erkenntnismöglichkeiten organisiert sind und funktionieren.

        Es sagt nichts darüber aus, wie es WIRKLICH IST.

      • Und wie ist es WIRKLICH?

        Nisargadatta: „Ich Bin“ braucht die Welt nicht, aber die Welt braucht mich.

        Ernie: Verlöscht der Ich-Gedanke (Person) so verlöscht auch die Welt… 🙂

      • Im Buddhismus heißt es: „Der Tropfen fällt in den Ozean (der ich-gedanke verlöscht …) und dann fällt der Ozean wieder in den Tropfen …“

        Nach meinem derzeitigen Erkenntnisstand scheint mir der zweite Halbsatz so etwas wie eine Entmystifizierung aller „Erleuchtungs-Phänomene“ zu bedeuten.

      • magic 😉
        ein Wunder
        vor allem

  7. „Nach meinem derzeitigen Erkenntnisstand scheint mir der zweite Halbsatz so etwas wie eine Entmystifizierung aller „Erleuchtungs-Phänomene“ zu bedeuten.“

    Ja, das führt zur Befreiung (Neti, Neti…), aber noch nicht zur Erleuchtung… 🙂

    • … für mich gibt es nichts erstrebenswerteres, als als freier mensch leben zu können … erleuchtung hat mich nie interessiert – tut es auch jetzt noch nicht. 🙂

    • Alles Reden über Erleuchtung ist wie das Rumkauen auf einem abgenagten Knochen. Kommt nix bei raus, kann aber Spaß machen, wie man sieht 🙂

      • Stimmt! Ich habe ja gesagt: Neti, Neti führt nicht zur Erleuchtung, auch das Loslassen nicht… 🙂

      • … oder anders ausgedrückt: unser liebenswerter ernie kann einfach nicht die klappe halten … warum soll er auch? 😉

      • Hm…diese Verwechslungen und Beschuldigungen immer wieder!

        Der Ernie (Ich-Verstand) kann nur in Konzepten (Teile) denken… Ich in Zeit und Raum schnellen ohne Ich-Gedanke zusammen zu einem (dimensionslosen) Punkt, in dem alles enthalten ist. Dieser Punkt ist unbegrenztes Gewahrsein, ohne Zweites, niemals unbewusst (wache Stille) – reines Potential!

      • WOW !!!!

        p.s. zum puncto „beschuldigungen“: in meinen „konstruktionen“ war das ein reiner ausdruck positiver wertschätzung 😉 tja, wieder mal der beweis, das jede(r) von uns in seiner ganz eigenen sozialen „welt“ lebt …

        p.p.s. ich kann ja auch nicht die „klappe halten“ … und nachdem ich im anderen blog nicht mehr „darf“, freue ich mich wie ein „schneekönig“, wenn du mich besuchen kommst!

      • Mich hat der Alte auch rausgeworfen und sperren lassen…

        Wo bleibt da die DANKBARKEIT, ohne mich könnte er ja nicht einmal seine Arme bewegen… 😉

      • 🙂 🙂 🙂

        .. das privileg der administratoren ….

      • Ernie, die coole Socke. In sich substanzlos und doch beredt wie ein wandelndes Advaita-Lexikon 🙂 beautiful

      • „… und nachdem ich im anderen blog nicht mehr „darf““

        tha, so bastelt (konstruiert?) sich jeder seine eigene Welt zurecht, rund um den blinden Fleck 😉

        Wer konstruiert nun diese Konstruktion?

      • „tha, so bastelt (konstruiert?) sich jeder seine eigene Welt zurecht, rund um den blinden Fleck ;-)“

        Die „soziale Konstruktion“ = der blinde Fleck

        ich „sehe“, dass ich nicht sehe ….

        systemtheoretisch betrachtet, sind die konstruktion und der konstrukteur nicht zu trennen …

        das macht es ja so harnäckig (und unwandelbar) in der anwendung …

      • Das Konstrukt fußt auch auf nichts anderem als der Ich-Idee.
        Trotzdem finde ich das Thema interessant. Hast Du (mit Subhash) mittlerweile eine schreibtechnische Lösung für dieses Thema gefunden? Subhash hatte ja mal ein Forum. Vielleicht wäre diese Software ja geeignet dafür, so er sie denn wieder aktivieren würde. Na ja, kommt Zeit, kommt Rat.

        „ich „sehe“, dass ich nicht sehe ….“
        ja, so ist das!
        Ohne Brille seh ich nichts und mit, seh‘ ich auch nichts 😉

        Alles, was ich sehe, sind kurzzeitige und sich veränderte Perspektiven, die immer nur einen Ausschnitt zeigen zu einem sich jeweils aufgegriffenen wandlenden Bezugspunkt.

      • „Hast Du (mit Subhash) mittlerweile eine schreibtechnische Lösung für dieses Thema gefunden?“

        Er hat mir geschrieben, dass er sich er ein paar intelligente Fragen ausdenken möchte 😉 und die dann bei Sugata posten will. Außerdem scheint er sich noch nicht schlüssig, ob er den „advocatus diaboli“ oder den „eifrigen schüler“ als Rolle bevorzugt.

        Ich habe ihm geantwortet, dass ich mich auf diesem Gebiet keineswegs als „expertin“ erkenne …

        Um wieder ein neues Forum aus dem Boden zu stampfen sind wir wohl alle zu faul … (mit anderen Dingen ausgelastet).

        Liebe Grüße
        Marianne

      • ok, Marianne. Dann treffen wir uns zu gegebener Zeit bei Sugata. Vielleicht stellst du dann einen Link hier rein oder mailst mich kurz an, wenn du magst.

        Und Subhash wird wohl beide Rollen einnehmen, soweit ich ihn kenne 😉

        Liebe Grüße, Brigitte

  8. Alles, was ich sehe, sind kurzzeitige und sich veränderte Perspektiven, die immer nur einen Ausschnitt zeigen zu einem sich jeweils aufgegriffenen wandlenden Bezugspunkt.

    Oder wie es im ZEN-Buddhismus heißt: Der Ausschnitt, den wir erkennen können ist gerade mal so groß wie der Blick durch ein Schilfrohr …

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